
Mit der Auswahl der folgenden Gespräche mit herausragenden Vertretern des musikalischen Lebens war beabsichtigt, weiterführende und interessante Antworten zum Themenkreis des Verhältnisses von Musik und Lautsprecher zu erhalten. Das Erkenntnisinteresse und die sich daraus ergebenden Fragen leitete sich insbesondere aus folgenden Prämissen ab:
Die traditionellen Formen der Musikproduktion und -rezeption haben sich durch die technischen Veränderungen in diesem Jahrhundert radikal verändert, mit dem Ergebnis, daß Musik heute überwiegend über Lautsprecher vermittelt und gehört wird. Die Tragweite dieser Veränderung ist noch nicht in das allgemeine Bewußtsein gedrungen.
Ein Großteil von Umfragen und Untersuchungen wird durch die Medienindustrie unmittelbar oder mittelbar in Auftrag gegeben. Ihre Ergebnisse und insbesondere Interpretationen stehen in der Gefahr, nicht unabhängig von der ökonomischen Interessenlage ihrer Auftraggeber zu sein.
Entsprechend des Ungleichgewichts der Diskussion in der Fachwelt zwischen (frenetischen) Anhängern der neuen technischen Möglichkeiten und den Skeptikern einer technischen Überfremdung der Musik ist eine sachliche Diskussion nicht immer möglich. Die Hinterfragung technischer Errungenschaften wird teils a priori mit dem Tadel der Unwissenschaftlichkeit überzogen, denn in Zeiten der Dominanz wirtschaftlichen Wachstums und rastlosen Suchens nach Innovationen erscheint Kulturkritik kontraproduktiv.
Auf der anderen Seite wird nach wie vor musiziert, in Chören, Orchestern und Schulen, vokal oder instrumental und vorwiegend mit akustischen Instrumenten. Zahlreiche Musiker, musikalische Liebhaber und Laien musizieren wie selbstverständlich lebendig - "live". Live-Musik ist also weiterhin ein wesentlicher Bestandteil unseres Kulturlebens.
Leider wurde kurz vor Abschluß des Manuskriptes ein lange vorbereitetes Interview mit einer prominenten Interpretin abgesagt, so daß hier eine vermeintlich weibliche Sicht der Medienproblematik ausstehen muß.
Während der Interviews hat sich regelmäßig ergeben, daß das Thema Medien zahlreiche Verknüpfungspunkte zum Schaffen und Leben der Befragten herstellte. Die sich daher lebhaft entwickelnden Erläuterungen mußten entsprechend im Manuskript teilweise gekürzt werden. Die äußeren und inhaltlichen Interviewbedingungen variierten erheblich, dennoch konzentrierten sich die Gespräche - je nach Verlauf - auf folgende Kernfragen:
Bemerkenswert ist, wie facettenreich und lebendig sich die Antworten der Interviewten um diese Fragekomplexe ranken. Dies zeigt, daß das Thema Medien für die aktiv am musikalischen Leben Beteiligten eine bedeutende Rolle spielt. Um diesen Gegenstand spinnen sich zentrale musikalische Fragestellungen, Ereignisse und Erlebnisse. Die elektroakustischen Medien bieten jedem Musikinteressierten Gesprächsstoff, an ihnen scheiden sich die Geister und entzünden sich auch die Emotionen.
Auf eine qualitative Analyse der Interviews wird hier bewußt verzichtet - in der Hoffnung, daß die Gespräche zunächst unmittelbar auf den unbefangenen Leser wirken, daß Differenzierungen, Zwischentöne und Vermittlungsmöglichkeiten aufgezeigt werden. Nicht nur wegen erwähnter wenig bekannter Tatsachen scheinen die Gespräche bedeutsam, sondern auch wegen der Aussagekraft, Glaubwürdigkeit und profunden Erfahrung der Interviewten.
Schon wegen der kleinen Auswahl der geführten Gespräche ist eine quantitative Auswertung nicht möglich. Grundsätzlich lassen sich jedoch vorweg folgende Gemeinsamkeiten bei den Befragten feststellen:
Das Elternhaus und die kulturelle Umgebung ist die entscheidende Initialzündung für die persönliche Musikalisierung. Die Medien spielen für die Interviewten eine nachrangige Rolle.
Für die jüngere Generation übernehmen die elektronischen Medien eine zunehmend wichtige Rolle.
Als nützliches Arbeits- und Produktionsmittel stehen die elektronischen Medien außer Zweifel.
Die Interviewten gehen bewußt und kritisch mit der Musik aus dem Lautsprecher um, sie hören sie meist nur sporadisch und dann bewußt. Die Rezeption der eigenen Einspielungen wird auf ein notwendiges Maß reduziert.
Hintergrundsmusik wird sehr skeptisch beurteilt, sie wirkt in der Regel störend.
Immer wieder klingen kulturkritische Töne an, bis hin zur apokalyptischen Voraussagen für die abendländische Musikkultur.
© Frank Stepanek, Auszüge nur als Zitate.
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