Mikis Theodorakis

im Gespräch mit Frank Stepanek

Mikis TheodorakisAlexis Zorbas
Medienpolitik
Musik im Alltag
Medienerfahrungen
Umgang mit Medien
Erinnerungen und Ausblick

Der Komponist, Sänger, Politiker und Schriftsteller Mikis Theodorakis (geb. 1925, Insel Chios, Griechenland) ist durch seine Musik zum Film Alexis Sorbas weltbekannt geworden. Theodorakis' Werkverzeichnis umfaßt etwa 750 Lieder und an die 100 größere Werke, darunter Sinfonik, Bühnen- und Filmmusik, Opern, Oratorien, geistliche Liturgien usw.

Auf seiner offiziellen Homepage ist näheres zu erfahren.

Theodorakis schrieb eine Fülle von politischen, essayistischen und lyrischen Texten. Während der Militärdiktatur (1967-74) in Griechenland war er der Führer des Widerstands, später wurde er - nachdem er in das konservative Regierungslager überwechselte - Kultusminister von Griechenland.

Theodorakis versucht den Spagat zwischen anspruchsvoller Konzertmusik und Popularmusik einerseits und künstlerischem und politischem Engagement andererseits zu vollziehen. Vielleicht ist dies ein Grund, warum er von den verschiedenen Interessensgruppen aus Wirtschaft und Politik einseitig kategorisiert wurde - eine Erfahrung die Theodorakis insbesondere mit der Schallplattenindustrie machte.

Alexis Zorbas

Frank Stepanek:
Sie sind in Deutschland hauptsächlich durch ihre Filmmusik zu "Alexis-Zorbas" bekannt. Kaum jemand kennt Sie hingegen als zeitgenössischer Komponist von Opern, Sinfonien oder Kammermusik.

Mikis Theodorakis:
Nachdem ich mich in den 60er Jahren verstärkt der Volksmusik, Popularmusik und Filmmusik zugewendet hatte, wurde ich als Außenseiter, der "einfache" Musik macht, abgestempelt. Zorbas war mein Ruhm und gleichzeitig mein Waterloo. Selbst der Hauptdarsteller Anthony Quinn wird nur mit seiner Rolle Zorbas in Zusammenhang gebracht. Man ist ein für allemal klassifiziert. Es ist sehr schwer, dagegen anzukommen.

Warum nehmen Sie dennoch immer wieder die Gelegenheit wahr, Ihre "Alexis-Zorbas"-Ballettsuite aufzuführen?

Ich gebe jährlich ca. 60 Konzerte. Wenn mich Veranstalter darum bitten, dieses Werk aufzuführen - das kommt im Jahr vielleicht zweimal vor - entspreche ich gerne diesem Wunsch. Die Ballettsuite ist für mich ein musikalisches Experiment: Alle verwendeten Melodien entstammen meinen Liedern und wurden von mir nachträglich in eine sinfonische Fassung gebracht. Die drei musikalischen Wurzeln, die mich als Komponist geprägt haben - die griechische, kretische und europäische -, verschmelzen in diesem Werk zu einer Einheit. Beim breiten Publikum kommt diese Musik sehr gut an.

In den 50er Jahren begannen Sie sehr erfolgreich Ihre Karriere als Komponist für "ernste" Musik. Sie erhielten zahlreiche internationale Preise, u.a. die Goldmedaille des Moskauer Kompositionswettbewerbs für Ihre Suite Nr.1 für Klavier und Orchester. In den 60er Jahren haben sie verstärkt versucht, ihre Musik zu popularisieren ...

Popularisieren meint aber nicht vulgarisieren! - Musik darf nicht konstruiert werden. Ich schreibe keine Labormusik. Was das Volk versteht, ist die Form bei der Musik, und das Lied ist die ursprünglichste und einfachste Form. Mein erster Volksliedzyklus Epitaph wurde ein durchschlagender Erfolg, obwohl ich ihn zunächst für eine kleine Gruppe von Eingeweihten schrieb, die einerseits ein Gespür für klassische Musik hatte, sich aber auf der anderen Seite auch für die Volksmusik interessierte. In der Folge vertonte ich Texte von den wichtigsten griechischen Lyrikern. Später komponierte ich populäre Oratorien, harmonisierte Volkslieder und vervollständigte meine sinfonischen Werke mit Chorälen.

Ich war getragen von der idealistischen Intention, kompositorisch auf die Gesellschaft einzuwirken. Ich habe noch geglaubt, wenn ich einen Eimer mit roter Farbe in einen See werfe, könnte er sich rot verfärben. Es bedarf aber der Anstrengung des Volkes selber. Aus dieser Erkenntnis heraus begann ich, mich politisch zu engagieren, ohne meine Identität als Künstler dabei aufzugeben.

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Medienpolitik

War Ihnen die Tonträgerindustrie bei der Popularisierung Ihrer Musik behilflich?

Mein ganzes Schaffen im Bereich der Volksmusik und Popularmusik war untrennbar verknüpft mit der Schallplatte. Deshalb war ich auch abhängig von den Plattenfirmen. Ich habe sehr gekämpft gegen die Einflußnahme und Kontrolle, die auf mehreren Ebenen stattfand. Zum Beispiel wollten die Firmen aus ökonomischen Gründen meine sinfonischen Werke nicht einspielen. Zwölf Instrumente wurden noch zugelassen, hingegen aber Oratorien mit hundert Mitwirkenden kategorisch abgelehnt. Dies hatte fatale Folgen, weil die Schallplattenfirmen auch den Rundfunk fast vollständig kontrollieren. Hier sieht man, wie wirtschaftliche Kriterien die Ästhetik bestimmen können.

In Griechenland erlebte die Volksmusik eine Renaissance, als die ansässigen Schallplattenfirmen noch in griechischer Hand waren. Aber nach dem Ende der griechischen Militärdiktatur 1974 wurde die EMI, bei der vorher noch die Griechen die Mehrheit der Aktien hatten, zuerst von einem Italiener, dann von einem Engländer geleitet. Beide hatten von griechischer Musik nicht die geringste Ahnung. Die Firmen Philips und Polydor versuchten ebenfalls ihren Geschmack und ihre Interessen in Griechenland durchzusetzen.

Warum haben die griechischen Firmen nicht die Möglichkeit gehabt, sich dagegen zu wehren?

Die Firma Minos wurde an EMI verkauft, weil der Eigentümer seine Anteile versilbern wollte. Ich habe mehrmals vorgeschlagen, ein Gesetz zu erlassen, daß solche Firmen nationalisiert werden, um zu verhindern, daß unsere nationalen Künstler durch die Macht des Kapitals zerstört werden. Diese internationalen Firmen kümmern sich nicht um Ästhetik oder nationale Kultur, sondern lediglich um nackte Zahlen. Die internationale Musik wird heute dirigiert von einer neuen Generation - Menschen, die kleine Maschinen sind, die sich nur noch für das Geld interessieren.

Wie könnte die Politik die Macht der Medienindustrie kontrollieren?

Die Politik muß dafür Sorge tragen, daß die Monopole verschwinden. Meiner Meinung nach ist ein Monopol der Medien gleichzusetzen mit Rassismus und Totalitarismus.

Können Sie an Beispielen den Einfluß der Firmen auf den Musikmarkt erläutern?

Die Musikindustrie entscheidet über das, was verkauft werden soll. Die EMI wollte z.B. meine sinfonische Musik aus Kostengründen nicht veröffentlichen. Nur mittels massivem Druck konnte ich 1960 bei dieser Firma durchsetzen, daß jedes Jahr eines meiner sinfonischen Werke eingespielt wurde. Aufgrund dieser schlechten Erfahrung wollte ich mich von derartigen Zwängen frei machen. 1966 ist es mir mit politischer Hilfe gelungen, ein eigenes Orchester und einen Chor zu bekommen. Endlich konnte ich musikalisch befriedigend arbeiten und vor sehr vielen Menschen in Stadien und Amphitheatern spielen. Sie haben meine Werke verstanden.

Nach der Behinderung meines Schaffens durch die Wirtschaft kamen massive politische Eingriffe. Die griechischen Militärs verboten durch den Artikel 13 meine Musik. 1967 bis 1970 war ich im Gefängnis und in der politischen Verbannung. Nach meiner Freilassung 1970 bis zur Wiedererlangung der Demokratie in Griechenland 1974 habe ich weltweit - außer in Griechenland - mit meinem Pop-Orchester ca. 1000 Liedkonzerte gegeben, um gegen die Diktatur zu protestieren.

Die Erfindung der Tonträger hat Musik zur Ware gemacht. Ist nicht zu befürchten, daß dadurch die Musik zu einem gut funktionierenden Rädchen unserer Konsumgesellschaft geworden ist?

Natürlich besteht heute die große Gefahr, daß der Konsument von der Macht der Produktion vereinnahmt wird, und daß es neben dem Konsum keine anderen Ideale mehr gibt. Dennoch darf man nicht dem Schwarzweißdenken verfallen, daß es etwa ein Direktorium gäbe, das für uns entscheidet. Vielmehr machen dies sehr divergierende Kräfte in Politik und Wirtschaft.

Ein Grundsatz der Tonträgerindustrie ist, daß ihre Produkte in möglichst gigantischen Stückzahlen produziert werden. Zusammen mit dem davon abhängigen Rundfunk und der Zulieferindustrie handelt es sich um weltweit eines der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren, wobei die Tonträger der Schlüssel dazu sind. Hier sind also Milliarden von Dollar im Spiel, was zwangsläufig zu einem Mißbrauch und zu einer objektiven Minderung der Qualität führt. Wir sind hier von der Qualität zur Quantität übergegangen.

Die Rock- und Popmusik hat anfangs noch tatsächliche Bedürfnisse befriedigt. Erst später wurde sie in großen Teilen zu einem bloßen Konsumartikel. Betrachten wir das Experiment von 1968: Man hat in der Rockmusik begonnen, sich für soziale und politische Fragen, wie z.B. den Frieden, zu interessieren. Die Jugend erhoffte sich aber noch mehr: Sie wollte alles, was erreichbar ist - das war ein großer Traum. Die Rockmusik experimentierte damit, und konnte deshalb so explosiv werden. Die große Explosion im Mai 1968 - ohne die Tonträger war sie nicht denkbar - begann also mit Liedern an der Basis. Diese Musik war mindestens so stark wie die Politik und Wirtschaft!

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Musik im Alltag

Was halten Sie von der neuen Massenunterhaltung "Techno"?

Die Gesellschaft wird heute diktiert von Geldwirtschaft und Oligarchie. Diese Entwicklung haben die Linken und die Gewerkschaften verschlafen - die Kommunisten sind abgewirtschaftet. Jetzt wird diesen Menschen klar, daß sie keine Konzepte oder Gegenmodelle anbieten können. Statt dessen grassieren solche Erscheinungen wie "Techno". Diese Computermusik hat einen spezifischen Rhythmus, der zur totalen Abstumpfung führt. Wenn jemand die ganze Nacht "bum, bum, bum" über sich ergehen läßt, dann gleicht er am nächsten Tag einem Affen - darüber kann dann auch nicht hinwegtäuschen, daß er einen BMW oder Mercedes fährt.

Obwohl Affen intelligente Tiere sind ...

Intelligent ja, aber nicht mit ihrer Seele. Leute, die sich mit der Schönheit der Künste beschäftigen, haben diesen Zusammenhang verstanden. Simple Rhythmen hat der Mensch vor zwanzigtausend Jahren auf seine Trommeln gehämmert. "Techno" reduziert ihn wieder auf dieses Primitivstadium.

Die Melodie ist eines der schönsten Schöpfungen, die dem Menschen gelungen ist.- Für mich ist es vollkommen unverständlich, warum im "Techno" keine Melodien mehr vorkommen. Außer Effekten basiert diese Musik lediglich auf mechanisch monotonen Rhythmen und verkümmerten Harmonien.

Wenn man Griechenland als Tourist besucht, wird man Vielerorts mit Lautsprechermusik beschallt. Wie verträgt sich dies mit der griechischen Volksmusik?

Die traditionelle Musik wird immer noch, vor allem in den Dörfern, kultiviert. Nach 1940 sind in Griechenland tausende phantastische Melodien geschrieben worden, davon sind heute vielleicht noch zehn zu hören. Ich finde es schlimm, daß in Griechenland überall von früh bis abends diese Abfallmusik gespielt wird und niemand diesen Zustand kritisiert. In bestimmten Kneipen Griechenlands gilt es als besonderes Amüsement, zu einer bestimmten "kanibalisch-aggressiven" Musiksorte das Geschirr zu zerschlagen. Die privaten Rundfunk- und Fernsehanstalten senden diese Musik, weil mafiose Verbindungen zwischen ihnen und den Vergnügungslokalen und der Tonträgerindustrie bestehen.

Was beunruhigt ist, daß sich die musikalische Umweltverschmutzung überall hin ausgebreitet hat. Diese Belästigung sollte verboten werden und deren Verursacher vor Sondergerichte gestellt werden. Hier sind für mich die schlimmsten Feinde der Humanität. Es wird soviel in Europa über Umwelt gesprochen, aber nicht über dieses Problem, das die Seele des Menschen deformiert. Wenn ich eingesperrt wäre und müßte diese Musik hören, bliebe mir keine andere Wahl als heroinsüchtig zu werden.

Hat es Sinn, wenn sich der einzelne gegen diese musikalische Umweltverschmutzung wehrt?

Ja! Das ist eine Frage des Bewußtseins. Die Verantwortung, die heute auf jedem Bürger lastet, ist stark gewachsen, weil die Politiker zunehmend ignorant und kulturlos werden. Sie verstehen nicht, daß die hauptsächlichen Probleme kultureller Natur sind. Trotz Arbeitslosigkeit sind die materiellen Probleme in den Industrieländern im wesentlichen gelöst. Dennoch leidet unsere Seele; wir sind nicht glücklich. -

In Berlin war ich Juror zur Verleihung des Felix-Filmpreises. Was mich wirklich sehr betroffen hat, waren die tragenden Themen der gezeigten Filme: Alkoholismus, inzestuöse Beziehungen, Gewalt usw. Man tötet andere Menschen einfach aus einer momentanen Laune heraus. Diese Filme sind nur der Spiegel einer kranken Gesellschaft.

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Medienerfahrungen

Warum ist Ihre "ernste" Musik auf Schallplatten so schwer zu finden?

Ja, das ist ein Problem. In den großen Geschäften gibt es immer ein Sortiment "Theodorakis", das sich stets in der Abteilung "Folklore" befindet. Fälschlicherweise werden aber ebenfalls meine Sinfonien dort eingeordnet, deshalb können die Liebhaber meiner "ernsten" Musik mich nicht finden. Kein Verkäufer wagt es, mich neben einen Tschaikowsky oder einen Schumann zu stellen.

Welche Erfahrungen haben Sie mit deutschen Schallplattenfirmen gemacht?

Auch die Deutsche Grammophon wollte keine sinfonischen Platten von mir herausgeben, weil ich von ihr in die Folklore-Schublade gesteckt worden bin. Zu Beginn der 80er Jahre hat man z.B. in Ostdeutschland angefangen, meine Werke aufzuführen. Nach jeder Aufführung schickten wir der Deutschen Grammophon ein Band. Meine Musik wurde nicht veröffentlicht, jedoch alle Aufnahmen der anderen Komponisten, die zu ähnlichen Gelegenheiten im Osten aufgeführt wurden. Mit Udo Zimmermann und Siegfried Matthus habe ich im gleichen Konzert zusammengespielt - trotzdem haben sie es nicht veröffentlicht. Es gab nur einmal eine Ausnahme, als Agnes Baltsa ein Volkslied von mir aufführte.

Sie wollten mich einfach nicht als Sinfoniker veröffentlichen, obwohl meine Qualität als solche längst bewiesen war. Da steckt auch ein bißchen Rassismus dahinter.

Glauben Sie, daß eine so mächtige Firma wie DG einen Komponisten kaputtmachen kann?

Mich nicht, aber sie können einem noch unbekannten Komponisten das Leben sehr schwer machen.

Es gibt einige kleine Labels, die auch ausgefallenere Werke veröffentlichen. Bietet hier die Marktwirtschaft nicht auch ein Regulativ?

Ja, kleine Labels riskieren mehr. Ich habe auch einiges bei kleinen Labels veröffentlicht, z.B. bei "Intuition Records" Canto Olympico, Canto General und meine 7. Sinfonie.

Wie wichtig sind für Sie als Komponisten die technischen Medien?

Die Schallplatte eröffnet die Möglichkeit der Massenkommunikation. Zahlenmäßig sind die Konzertbesucher ja verschwindend wenig - gegenüber dem Millionenpublikum der Medien.

Aber es gibt dennoch die Möglichkeit durch Tourneen, Verbreitung der Noten und Mundpropaganda bekannt zu werden. Nur ein Beispiel: Der Direktor der Oper von Meiningen ist eigens zu meinen Aufführungen nach Griechenland gereist und meinte anschließend: Jetzt habe ich etwas dazugelernt. Daraufhin organisierte er die Uraufführung meiner Oper Medea im Mai dieses Jahres am Staatstheater Meiningen. So muß man vorgehen, mit kleinen Schritten und alle Möglichkeiten nutzen.

Würden Sie mit einem großen Medienkonzern zusammenarbeiten?

Es kommt darauf an. Für mich ist es grundsätzlich gleichgültig, mit welchem Konzern oder Medium ich arbeite, Hauptsache, ich kann eine Botschaft übermitteln, sei es via Schallplatte, Fernsehen oder Konzertsaal. Solange meine Musik verbreitet wird, hätte ich keine Angst, etwas zu verlieren. Ich werde allerdings niemals Konzessionen bezüglich der Qualität machen.

Vor zwei Monaten besuchte mich der Direktor einer sehr großen Schallplattenfirma in Paris. Seine Firma hat eine klassische CD-Reihe gestartet, die sich anfangs sehr gut verkaufte - nicht wegen der Musik, sondern weil es CDs waren. Nachdem der Absatz nun stark nachgelassen hat, sucht der Chefmanager zeitgenössische Komponisten, die auch das größere Publikum versteht. Er hat mir vorgeschlagen, einen großen Hollywood-Film über mein Leben und meine Musik zu machen. Ich habe das Angebot abgelehnt.

Das ist der Einfluß der Massenmedien: Sie wollen einen Musikfilm machen, um anschließend die Tonträger besser zu verkaufen. So ist ihre Politik. Wenn sie glauben, daß sie Geld verdienen können, werden sie aktiv.

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Umgang mit den Medien

Lassen Sie sich als Komponist von Schallplatten anregen, hören Sie viel Musik von Schallplatten?

Ich verbringe sehr viel Zeit damit, meine eigene Musik zu komponieren, in dieser Zeit lege ich keine Schallplatten auf. Aber es gibt Zwischenzeiten, von beispielsweise zwei Wochen, während derer ich viel Musik höre.

Bevorzugen Sie Live-Aufnahmen vor Studioproduktionen?

Trotz der größeren technischen Mängel ziehe ich Live-Aufnahmen den Studioaufnahmen vor, weil sie sehr viel lebendiger sind. Eine Chance für Live-Aufnahmen bietet sich heute durch die verbesserte Aufnahmetechnik. Ich habe daher meine 3. und 7. Sinfonie live aufgezeichnet. Mittels Live-Aufnahme habe ich auch die klassische Musik kennengelernt, z.B. in den Interpretationen von Erich Kleiber, Toscanini und dem frühen Karajan.

Entsteht - Ihrer Meinung nach - beim Live-Konzert etwas Unwiederholbares?

Ja, das ist eine gewisse lebendige und inspirierende Dynamik; sie entwickelt sich zwischen dem Publikum, dem Dirigenten und den Musikern, wobei der Dirigent eine katalytische Funktion übernimmt. Im Studio kann diese magnetische Spannung nicht entstehen, weil dort das Publikum fehlt. Deswegen suche ich auch immer wieder das Live-Konzert, um diesen Magnetismus zu erleben.

Sind Sie nicht enttäuscht, wenn Sie eine Schallplatte hören und dieser Magnetismus darauf fehlt?

Ich bin kein sehr guter Zuhörer. Ich höre nicht mit meinem Ohr, sondern mit meinem Kopf, meiner Phantasie. Die Manie der Perfektionierung interessiert mich nicht. Ich kann es nicht verstehen, daß die große Mehrheit nur äußerlich mit den Ohren hört, ohne eine Verbindung zur Seele herzustellen. Sie scheinen verliebt zu sein in ihre Ohren und nicht in die Musik.

Das erste muß immer das Live-Erlebnis sein, und die Schallplatte muß als sekundäres Erlebnis mit Phantasie aufgefüllt werden. Wenn ich einen Musiker anhöre, rechne ich geradezu mit seinen Fehlern, denn diese machen ihn erst zu einem Menschen. Mich interessiert nicht eine Maschine, sondern die menschliche Seele, die Leidenschaft.

Was unternehmen Sie, wenn Sie in einem Restaurant mit Musik konfrontiert werden, die sie nicht mögen?

Als ich einmal zum Frühstücken in einem Lokal war, lief diese übliche Musik im Hintergrund. Ich war aber gerade innerlich sehr stark mit einer Komposition beschäftigt, an der ich gerade arbeitete. Ich fühlte mich also durch die Musikberieselung sehr gestört. Dann habe ich den Besitzer gefragt: Warum haben Sie diese komische Musik an? Ich wollte hier eigentlich nur einen Kaffee trinken. Ich habe ihm dann einigen Ärger bereitet, weil er mich einfach nicht verstehen wollte.

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Erinnerungen und Ausblick

Welche technischen Medien gab es in Ihrer Kindheit?

Bei mir zu Hause gab es noch kein Radio, sondern nur im Café nebenan. Ein Onkel von mir hat eines Tages ein Grammophon mitgebracht, mit dem ich schon im Alter von fünf Jahren viel Musik hören konnte: griechische Lieder, Operetten, Arien aus italienische Opern, z.B. die Norma von Bellini. Ein Album, welches mich sehr beeinflußte, bestand ausschließlich aus Tanzmusik: lauter Hits und guter klassischer Jazz der 20er Jahre. Fünfzehn Jahre lang war dieses Grammophon mitverantwortlich für meine musikalische Erziehung. Ich träume immer noch davon, meine damaligen Lieblings-Schallplatten eines Tages wieder aufzutreiben.

War es dieses Grammophon, was Sie musikalisch am meisten beeinflußt hat, oder etwas anderes?

Nein. Das war die Musik, die Lieder, die wir selber machten. In unserer Familie haben wir sehr viel gesungen, den ganzen Tag, vom Frühstück bis zum Abendessen, in der Straße, zu Hause - Lieder von meinem Vater, von meiner Mutter, traditionelle Lieder und auch modische Lieder. Es gab keine Musik, die einem aufgestülpt worden ist, man hat die Musik nicht eingekauft, sondern selbst gemacht.

In den Dörfern gab es verschiedene Männerchöre, die sogenannten "Cantases"-Chöre - eine Tradition, die heute weitgehend verschwunden ist. An manchen Abenden sangen bis zu 50 Gruppen im Dorf Liebeslieder vor den Fenstern der Mädchen. Durch diese Chöre lernte ich schon früh in entsprechenden Chorbearbeitungen das europäische klassische Liedgut aus Opern und Operetten kennen. Daneben gab es die Heiligenfesttage, zu deren Anlaß auch noch heute fast jeden Tag in irgendeinem Dorf ein Fest gefeiert wird, zu dem die traditionelle Volksmusik gespielt wird.

Als ich von den Militärs auf eine Insel deportiert wurde, traf ich Menschen aus allen Winkeln Griechenlands. Sie haben ein Mosaik der griechischen Musik mitgebracht indem sie einfach ihre verschiedenen Lieder sangen. Das war für meine musikalische Entwicklung von sehr großer Bedeutung: Ich begann Musik zu schreiben, in der all diese verschiedenen griechischen Stilrichtungen wirksam wurden.

Glauben Sie, daß die Technik in Zukunft auch kulturelle Chancen ermöglicht?

Man braucht sehr viel Zeit um Kunst zu machen und zu fördern. In den großen Epochen der Geschichte gab es immer einen Dialog zwischen den Künstlern und einer Gesellschaft, die über freie Zeit verfügte, in der Antike waren es z.B. die Athener, später die Adeligen, die Geistlichen und die Mäzene.

Die Mikroelektronik ist inzwischen in der Lage, dem Menschen sehr viel Zeit zurückzugeben. Heute weiß man aber nicht, was man mit der überschüssigen Zeit anfangen soll. Man muß das Bildungssystem verändern, denn diese Zeit kann nur mit Hilfe einer guten Erziehung und Kultur genutzt werden. Gegenwärtig erzeugt die Erziehung nur Soldaten der Produktion.

Die wirkliche Revolution müßte eine geistige und kulturelle sein, die humanitäre Werte auf ihre Fahnen schreibt. Es sind nicht die Nummern, die Geschichte machen, sondern die großen Denker und Künstler. Wir hätten heute die Möglichkeit, uns in Europa auf eine Gesellschaft von 300 Millionen Prinzen, Mäzenen und Künstlern zuzubewegen. Dann könnten die Götter wieder aus ihrem Pantheon nach Europa zurückkehren.

(Interview in französischer Sprache vom 8. Juni 1995, München,
ein Tag vor der von ihm dirigierten Open-Air Aufführung
seiner Alexis-Zorbas-Suite auf dem Königsplatz.)

© Frank Stepanek, Auszüge nur als Zitate.

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