Salzburger Pläne
Osterfestspiele - Einfluß der Industrie
Aufnahmetechnik
Funktionen der Tonträger
Musik im Alltag
Persönliche Nutzung - Demokratisierung
Ausblick
Unter dem Juristen Dr. Gerard Mortier erreichte das Théâtre de la Monnaie in Brüssel, dessen Generaldirektor er 1981 wurde, unter anderem durch zahlreiche aufsehenerregende Mozart-Interpretationen wieder internationalen Ruf.
Obwohl Mortier seine Skepsis gegenüber der Medienindustrie regelmäßig öffentlich vertreten hat, wurde er 1991 als Intendant der Salzburger Festspiele berufen. Unter seinem Vorgänger Karajan haben sich in Salzburg mächtige Konzerne bestimmte Einflußsphären gesichert, deren künstlerischer Wert nun von Mortier auf den Prüfstand genommen werden mußte. Den Vertrag mit den Salzburger Festspielen wird Mortier nicht ein drittes mal verlängern, so daß er im Jahre 2001 enden wird.
Alle Angaben von Mortier sind auf den Zeitpunkt des Interviews, welches er am 18.6.1994 in Salzburg gab, zu beziehen. Obwohl manch angedeuteter Interessenskonflikt zwischenzeitlich nicht mehr aktuell ist, wirft das von Mortier Gesagte doch ein exemplarisches Licht auf sein Verhältnis zur Medienindustrie und deren Methoden.
Frank Stepanek: 1991 haben Sie in Salzburg als Intendant ein sehr schwieriges Erbe angetreten, das von Ihnen unter anderem den Spagat zwischen der omnipräsenten und omnipotenten Medienindustrie und den künstlerischen Interessen erfordert. Es sind große Pfründe vorhanden, die auch gesichert werden wollen.
Gerard Mortier:
Wenn ich einen Posten wie die Intendanz der Salzburger Festspiele akzeptiere - einen Posten den ich nicht gesucht habe -, dann denke ich nicht darüber nach, welche Hürden zu nehmen sind, sondern darüber, welche Bedeutung diese Festspiele haben. Wie soll man sie gestalten, was sollen sie aussagen, was bedeuten sie für die westliche Zivilisation, welche Rolle nehmen das Publikum und die Künstler ein?
Mir war der große Einfluß der Schallplattenfirmen bekannt und die ständigen Machtkämpfe zwischen den Stardirigenten und Starregisseuren. Karajan war nicht nur ein absoluter Meister im Dirigieren, sondern auch ein virtuoser Benutzer der Medienwelt. Das verstehe ich nicht negativ, sondern im Sinne einer einfachen Analyse.
Nach drei Jahren Amtszeit - wie versuchen Sie die Probleme in den Griff zu bekommen?
Erstens muß jeder einzelne Topf umgedreht, ausgeputzt und seine Funktion neu definiert werden. Es gibt in diesem Haus unglaubliche potentielle Möglichkeiten und großes technisch-handwerkliches Können.
Zweitens haben die Mozart-Opern eine zentrale Bedeutung, allerdings sollen sie von verschiedenen Dirigenten und Regisseuren dirigiert und inszeniert werden. Nur so kann man entdecken, daß diese Opern nie ausgeschöpft sind.
Weiterhin finde ich es heute wichtig, die großen Klassiker dieses Jahrhunderts aufzuführen, z.B. Janácek, Messiaen, Strawinsky, Berg und Zeitgenossen wie Zender, Berio, Ligeti und die nachfolgende Generation.
Zu Richard Strauss habe ich wegen seiner gewissen Falschheit im Ausdruck ein zwiespältiges Verhältnis, vor allem ist für mich der "Rosenkavalier" schwer erträglich geworden. Trotzdem habe ich mich - und das sind so die Kompromisse - dazu überreden lassen, die 75sten Festspiele mit diesem Stück zu eröffnen. Es ist mir aber gelungen, daß auf Rokoko-Interieur verzichtet wird und die Kostüme lediglich als Erinnerung an etwas Vergangenes fungieren. Es wird also eine Brechung zu spüren sein, etwas, was vorbei ist, eine Art gebrochene Rokokowelt. Salome und die Elektra halte ich für interessante Stücke. In ihnen spüre ich noch eine Evolution.
Ein drittes sehr wichtiges Element für mich ist, daß die kreativen Künstler unserer Zeit in diesen Festspielen persönlich anwesend sind. Dem Schriftsteller, Komponisten, Maler und Bildhauer muß in einer Welt des Starkultes wieder mehr Bedeutung zukommen. Es ist eine Perversion am Ende des 20. Jahrhunderts, daß wir uns nur noch mit Kunstwerken von Toten auseinandersetzen. Zum ersten Mal in der europäischen Geschichte feiern wir Kunst in einem Mausoleum, wo bedeutende Künstler begraben sind. Ich hingegen will den sinnlichen Kontakt des Publikums mit lebenden Künstlern herstellen, mit ihm soll diskutiert und vielleicht auch gestritten werden.
Ein vierter Punkt ist, zu versuchen, trotz der hohen Eintrittspreise, ein neues interessiertes Publikum zu gewinnen. Wir haben für Jugendliche und für die Salzburger Bevölkerung einige erschwingliche Preiskategorien gestaltet, obwohl unser Budget mit beachtlichen 75 Prozent durch den Kartenverkauf finanziert wird.
Sie sehen eine Chance darin, sich wieder mehr dem Theater zuzuwenden, mit der Begründung, daß das Theater weniger medienabhängig ist. Warum?
Es gibt wohl kaum einen Menschen, der vor der Theateraufführung von Caesar und Cleopatra in einer Inszenierung von Peter Stein den gleichnamigen Film mit Elizabeth Taylor oder Laurence Olivier sehen würde. Man geht ins Theater und läßt sich überraschen.
Bei der Oper ist dies vollkommen anders: Die Leute hören zu Hause auf ihren Schallplatten, wie das hohe C von einem Tenor gesungen wird, nicht wissend, daß dieses hohe C vom Komponisten vielleicht gar nicht geschrieben wurde.
Karajan hat die Osterfestspiele in Salzburg eingeführt. Er erfand das "Produktionsensemble", mit dem er zuerst eine Schallplatte einspielte um anschließend die gleiche Musik live aufzuführen - also quasi als Konzert für die Schallplatte. Was halten Sie davon?
Karajans Produktionsidee von den Osterfestspielen - das muß ich bei aller Wertschätzung sagen - finde ich für heutige Verhältnisse katastrophal. Eine Aufführung wird nicht besser, wenn sie vor der Live-Aufführung auf Schallplatte fixiert wird, und die Aufführung selbst wird steril, wenn sie so klingen soll - was Karajan unbedingt verlangte - wie die Aufnahme. Leider verbohrte sich Karajan ab einem bestimmten Zeitpunkt in solche technik-fetischistischen Vorstellungen; in dieser Beziehung bin ich absoluter Antipode von Karajan.
Karajan hat in seiner späteren Karriere verkannt, daß ein Kunstzweck ständig weiter lebt, also im Wandel befindlich ist. Er stellte das technische Produkt vor und über die lebendige Aufführung; eine Auffassung mit verheerenden Folgen für die Musikgeschichte.
Die Osterfestspiel-Vorstellung Boris Godunow beispielsweise hat deutlich unter der vorherigen sehr gelungenen Schallplatteneinspielung gelitten. Alle Musiker glaubten: "Jetzt haben wir es hinter uns". In Wahrheit fängt Kunst aber erst bei Betreten der Bühne an, denn die Musik und das Geschehen auf der Bühne inspirieren sich gegenseitig.
Wie wirken sich die Osterfestspiele unter der jetzigen Leitung von Claudio Abbado, der Karajans Ideen übernommen hat, auf die von Ihnen geleiteten Sommerfestspiele aus?
Ich muß die Interessen der Festspiele verteidigen und bin nicht auf den Plattenverkauf angewiesen. Wenn ich jedes Jahr eine Produktion der Osterspiele übernehmen müßte, was bisher so Usus war, bedeutete dies, daß irgendwann im Großen Haus nur noch Produktionen der Osterfestspiele stattfänden. Da diese aber absolut schallplattenabhängig sind, weil sie hauptsächlich davon leben, würde dies meinen Interessen diametral zuwiderlaufen. Die Covers der Oster-Schallplatten werden mit unseren Bühnenbildern geschmückt, was erheblich zu deren Publizität beiträgt. Die Firmen weigern sich aber, dafür Geld zu zahlen.
Aus diesen Gründen sind die Osterfestspiele zwischen mir und Abbado ein heikler Punkt.
Könnten Sie an Beispielen die direkte bzw. verdeckte Einflußnahme der Medienindustrie beschreiben?
Früher wurde der Spielplan in Salzburg zum Teil von den Firmen diktiert. Sie nahmen Einfluß, um rechtzeitig Schallplatten produzieren zu können und mit ihnen nach den Aufführungen gute Umsätze zu machen.
Beispielsweise wurde jetzt der Othello mit Placido Domingo bei den Osterfestspielen angesetzt, weil ihn Claudio Abbado unbedingt mit Sony oder der Deutschen Grammophon produzieren will. Hintergrund dieser Entscheidung ist wahrscheinlich, daß Riccardo Muti gerade einen Othello aufgenommen hat und Abbado nun wegen des Wunsches seiner Schallplattenfirma aus marktpolitischen Gründen unbedingt gleichziehen will.
Ich soll diesen Othello nun in die Sommerfestspiele übernehmen, was bedeuten würde, daß ich ihn wegen des hohen Aufwandes koproduzieren müßte. Daran habe ich aber kein Interesse, denn Othello ist hier schon öfters aufgeführt worden, und unser Etat ist bereits wegen anderen teuren Produktionen ausgeschöpft. Solange ich hier die Leitung habe, werden die Osterfestspiele und die Plattenfirmen das Programm der Sommerfestspiele nicht diktieren.
Ähnlich verläuft meine Diskussion mit den Wiener Philharmonikern: Sie wollen zum Teil hier nur mit Leuten spielen, mit denen sie auch Schallplatten produzieren.
Auch die Fernsehanstalten steigen auf diesen Zug auf, indem sie sich weigern, die Salzburger Festspiele aufzunehmen, weil schon eine Schallplatte vorliegt. Ebenso leiden die Rundfunkorchester unter dem Starkult und Medienrummel. Statt Neue Musik auszustrahlen und aufzunehmen, ziehen sie es vor, mit Glamour-Dirigenten und Welttourneen zu brillieren, was noch nie Aufgabe eines Rundfunkorchesters gewesen ist.
Wie man aus diesen wenigen Beispielen sieht, hat die Schallplattenindustrie insgesamt einen sehr großen Schaden angerichtet, der in seiner Tragweite bisher noch nicht genügend erkannt wird.
Verwendet die Industrie subtile Druckmittel, oder hat sie direkte Sanktionsmöglichkeiten? Sie sprachen einmal von "mafiosen Methoden" ...
Eine Möglichkeit wäre, daß die Berliner Philharmoniker und ihr Leiter Abbado - ferngesteuert von der Deutschen Grammophon - entscheiden würden, im Sommer nicht mehr nach Salzburg zu kommen.
Verstecktere Aktionen sind z.B. plötzliche Negativmeldungen in der Presse. 1993 erschienen von bekannten Tonträgerkünstlern - z.B. von Carreras - genau einen Monat vor den Festspielen bestimmte Attacken gegen die Sommerfestspiele und gegen mich. Als Folge von Richtigstellungen, die ich auf derartige Meldungen geäußert habe, wurden gegen mich drei, vier Prozesse angestrengt. Diese Prozesse wurden u.a. von Anwälten geführt, die gleichzeitig eine Clique von Schallplattenstars vertreten.
Ich habe den Verdacht, daß das Zusammenspiel von Presse, Medienstars und Anwälten gegen mich im Sinne einer konzertierten Aktion geschickt gesteuert wurde. Man hat versucht, mich psychologisch und finanziell in die Knie zu zwingen.
Aber man hat doch rechtlich gegen Sie nichts in der Hand ...
Leider verstehe ich von der Juristerei zu viel, um zu wissen, wie ungerecht das Recht sein kann.
Ich klammere mich im übrigen nicht an diesen Posten, doch ich möchte die Arbeit hier so lange wie möglich durchführen - stehen doch schon viele andere bereit, die wieder das Alte einführen wollen. Ich habe um einen 6-Jahresvertrag gebeten, weil ich wußte, daß ich gegen einen Dschungel zu kämpfen habe - und der wächst bekanntlich immer wieder zu.
Welche Aufnahmetechnik bevorzugen Sie für Ihre Festspiele?
Im Gegensatz zu den Osterfestspielen plädiere ich - wenn überhaupt - für Aufnahmen nach den Aufführungen oder noch besser für einen Live-Mitschnitt verschiedener Aufführungen. Zu letzteren müssen wir zurückkommen, weil auf diese Weise die musikalische und dramaturgische Aussagekraft viel besser erhalten bleibt.
Wie stehen die Schallplattenfirmen dazu?
Sie scheinen den Mitschnitt nicht zu mögen, weil er technisch weniger befriedigend ist. Die in den Firmen zuständigen Fachleute haben größtenteils keinerlei Theatererfahrung, sonst würden sie einsehen, daß die Zukunft der Schallplattenaufnahmen von Opern bei Live-Mitschnitten liegt. Die handelsüblichen Aufnahmen sind zu technisch perfekten, aber leblosen, blutleeren und spannungslosen Produkten geworden. In der Oper geht es um Liebe und Tod. Wo spürt man das auf der Schallplatte? Vielleicht noch, wenn eine Maria Callas singt oder wenn ein Kleiber oder Toscanini dirigiert. Liebesduette werden oft so aufgenommen, daß die Sänger hintereinander ins Studio kommen und per Playback und Kopfhörer singen, ohne sich jemals gesehen zu haben.
Die Berliner Philharmoniker machen zum großen Teil ihre Aufnahmen für die Osterfestspiele in einem Studio in Berlin. Wie soll dort eine vermeintliche Salzburger Stimmung erzeugt werden? Welch eine Scharlatanerie! Das ist gerade so, als ob man ein Kaninchen seziert, es zusammennäht und so tut, als wäre es ein lebendiges Kaninchen.
In Zusammenarbeit mit Patrice Chéreau habe ich einmal im Studio ein Terzett aufgenommen. Der Ausdruck und die Spannung dieses eigentlich wunderbaren Stückes sind auf dem Tonband aber deshalb verlorengegangen, weil die Sänger sich nicht wie bei der Aufführung bewegt haben. Wir haben uns deswegen, trotz der Nebengeräusche, für die spannendere Live-Aufnahmen entschieden.
Es gibt aber die Auffassung, daß sich Künstler bei Schallplattenaufnahmen freier fühlen, weil das Band noch nachträglich technisch korrigiert und verbessert werden kann. Bei einem Live-Mitschnitt wären demnach die Künstler gehemmter, weil sie unter Spannung stehen.
Eine Spannung in der Kunst ist doch sehr schön und absolut notwendig, das ist leider in Vergessenheit geraten. Ich glaube, daß die schönsten Opernaufführungen die sind, bei denen das Publikum - fast wie im Zirkus - den Eindruck hat, daß z.B. die Callas am Ende der Traviata wirklich sterben könnte. Wenn Sänger diese gewisse Nervosität nicht haben, stimmt etwas nicht.
Ich kenne es von mir selbst: Wenn ich einen Vortrag halte, bei dem ich nicht ein bißchen aufgeregt bin, wird er nicht gut. Die Spannung in der Kommunikation ist ein wichtiges Element, ebenso wie sie es bei der Liebe ist. Wenn sie nicht vorhanden ist, kann nichts von Bedeutung aufkeimen.
In der Kunst geht es nicht um "Relaxed-Sein", um diese amerikanische Auffassung von "Be relaxed, sit back!". Diese Lässigkeit ist nicht Kunst. Die Kunst muß immer vorne auf dem Stuhl sitzen.
Deshalb sagten Sie auch den Schulmusikern auf der Bundesschulmusikwoche 1994 in Gütersloh, daß die Schüler lernen müssen, Spaß und Freude an der Musik über die Anstrengung zu erfahren.
Ja, die Anstrengung muß zum Spaß werden. Ich würde meinen Beruf ohne Spaß nicht ausüben wollen, obwohl er sehr arbeitsintensiv ist.
Glauben Sie, daß die audiovisuellen Speichermedien für die klassische Musik auch Chancen bergen?
Die Videoplatte und die Laserdisc werden nicht das erhoffte Geschäft der Zukunft bringen. Eine audiovisuelle Dokumentation ist viel problematischer als eine lediglich auditive, weil das optische sehr stark der Mode unterworfen ist. Selbst ein Pavarotti als Rigoletto verkleidet, wirkt im Monitor lächerlich und clownesk. Der Abstand von 30 Metern im Theatersaal ist schon gerechtfertigt.
Außerdem werden fürchterliche Inszenierungen angeboten, z.B. aus der Met, die meist von altmodischen Opernfans gekauft werden. Ich hoffe dennoch, daß die jüngeren Leute ihren guten Geschmack nicht verderben - sie sollten nur dann in die Oper gehen, wenn sie das Gefühl haben, daß sie noch aussagekräftig ist. Anderenfalls wird die Oper aussterben, weil sie in diesem Moment nicht mehr die Rolle in der Gesellschaft spielt, die ihr zukommen sollte.
Ihrer Meinung nach hat eine Aufzeichnung durch die technischen Medien lediglich einen dokumentarischen Charakter. Wäre es dann für Sie nicht interessant, bestimmte Inszenierungen wenigstens für die Nachwelt zu erhalten?
Ja, schon - aber nicht sonderlich. Stellen Sie sich einmal vor, sie hätten eine Aufzeichnung einer griechischen Tragödie. Man klagt immer über das fehlende Wissen über die damalige Aufführungspraxis. Wir wären sicherlich sehr überrascht, wenn wir mehr erfahren würden, und froh darüber, es anders zu machen. Gott sei Dank haben wir nicht eine Videoaufzeichnung von Richard Wagners "Ring"-Inszenierung, denn es ist viel besser, wenn nach einer eigenen Interpretation gesucht werden muß.
Die meisten Interpreten betrachten die Schallplattenaufnahme als eine künstlerische Verwirklichung ...
Ja, leider.
Wenn Beethoven-Sinfonien immer wieder aufgenommen werden, wie z.B. von Herbert von Karajan gleich viermal, wie stehen Sie dazu?
Das ist für mich alles Mumpitz. Ich bin nicht vollkommen gegen die Schallplatte, aber ich gehöre zu den letzten Mohikanern, die sie nicht für unbedingt erforderlich halten. Ich bewundere Persönlichkeiten, die die Kraft haben mit einer ablehnenden Haltung zur Schallplatte gegen den Strom zu schwimmen. Dazu gehören beispielsweise Sergiu Celibidache, obwohl ich seine Interpretationen nicht immer als letzte Wahrheit empfinde, oder Sylvain Cambreling - jetziger Leiter der Frankfurter Oper - mit dem ich zehn Jahre in Brüssel zusammengearbeitet habe.
Viele junge Dirigenten gehen gerade an dem Zwang kaputt, bestimmte Aufnahmen machen zu müssen. Ihnen fehlt die Zeit, sich eigenständig zu entwickeln. Beim großen Publikum sind Künstler hoch angesehen, die Schallplatten aufgenommen haben. Tatsächlich werden Platten aber auch von den größten musikalischen Scharlatanen produziert, wenn sie nur genügend finanzielle Mittel haben. So manch einer bildet sich sogar ein, er wäre ein großer Künstler - Foster Jenkins ist ein gutes Beispiel dafür, okay, da kann man wenigstens noch darüber lachen.
Glauben Sie, daß der Hörer durch die Schallplatte geprägt wird?
Musikalische Bewertungen basieren heute auf der Tonträgerrezeption und nicht mehr auf der eigentlichen Quelle klassischer Musik: der Partitur. Hört man zum ersten Mal die "Zauberflöte" auf Platte, glaubt man zunächst, dies sei die einzig wahre Interpretation. Wenn man jetzt als Künstler den Versuch unternimmt, eine persönliche Lesart der Partitur durchzusetzen, muß man gegen eine sogenannte Traditionsauffassung kämpfen, die nichts mit Tradition zu tun hat.
Wie lange mußte Nicolaus Harnoncourt um seine Interpretation von Mozart mit den Wiener Philharmonikern ringen. Warum war dies nicht so bei Karl Böhm? Das es möglich ist, neue Interpretationen fast zu verhindern, zeigt, welch präformierende Wirkung die Tonträger haben.
Mehr als zwei Drittel des Weltumsatzes mit bespielten Tonträgern wird von lediglich fünf Konzernen bestritten. Was bedeutet diese Machtkonzentration der Medienindustrie für Sie als Kulturmanager?
Ich kann mich leider mit diesen Dingen nicht allzu intensiv beschäftigen, weil ich dann gleich depressiv werde. Es handelt sich um Privatfirmen, die folglich auch Gewinn erwirtschaften müssen, weshalb ich im Zweifel bin, ob sich ein Konzentrationsprozeß günstig auswirkt. Zumindest werden dadurch, wie ich bereits dargelegt habe, Interessensverknüpfungen verständlich, wie z.B.: Muti produziert eine Schallplatte Othello - die Konkurrenzschallplattenfirma bewegt Abbado gleiches zu tun - er setzt Othello auf den Spielplan der Osterfestspiele, damit vorher die Platte eingespielt wird - die Sommerfestspiele sollen nun mit allen Mitteln bewegt werden, Othello kozuproduzieren.
Es muß festgestellt werden, daß die Medienindustrie eine gewaltige Macht ausübt, weil es sich um unvorstellbar große Geldsummen dreht. Eine Chance liegt vielleicht noch darin, daß die klassische Musik nur einen sehr geringen Teil des Umsatzes ausmacht.
Was halten Sie von Phänomenen in der Popularmusik wie Prince oder Michael Jackson?
Unlängst habe ich mir eine Platte mit Hits von Elvis Presley gekauft. In meiner Jugendzeit hat mich solche Musik nicht interessiert. Er war ein absoluter Teufelskerl, zwar sehr kommerziell, aber es ist phantastisch, wie gekonnt er mit seiner Stimme Sinnlichkeit ausdrücken konnte; die Reaktionen der Jugendlichen waren also verständlich. Solche Platten höre ich aber nicht mehr als einmal an.
Ich bin zwar kein Jazzexperte, aber liebe dennoch den klassischen Jazz und hege für Ella Fitzgerald eine große Verehrung. Auch höre ich gerne Keith Jarrett, Miles Davis oder John Coltrane.
An moderne Popmusik gerate ich meist nur zufällig. Ich muß schon Leuten wie Prince ein ungeheures Können zugestehen. Klassische Musiker könnten von diesen Leuten sicher auch etwas lernen. Die ungeheure Popularität mancher Sänger weist jedenfalls darauf hin, daß die Stimme doch noch eine - ansonsten verlorengegangene - fundamentale Kraft hat.
Wenn man in Salzburg durch den Fußgängertunnel im Mönchsberg geht, hört man im Hintergrund Mozart ...
Fürchterlich, das ist die Verschmutzung unserer Umwelt, nicht nur die Luft wird verschmutzt, sondern auch unsere Ohren; ich finde es grauslich.
Sie essen gern in guten Restaurants. Wird Ihnen dies nicht durch die übliche Hintergrundsmusik verleidet?
Aus beruflichen Gründen esse ich oft in Restaurants, was ich auch liebe. Ich kann klassische Musik als Hintergrund allerdings überhaupt nicht ertragen. Weil ich sehr rücksichtsvoll bin, ziehe ich es manchmal vor, das Lokal zu verlassen, bevor ich mich beschwere.
Hören Sie persönlich gerne Schallplatten?
Es gab verschiedene Phasen in meinem Leben. In der Kleinstadt Gent, wo ich aufgewachsen bin, gab es eine Oper mit miserabler musikalischer und szenischer Qualität. Es wurden lediglich bekannte französische Opern gespielt; für Mozart-Opern mußte ich oft nach Deutschland fahren. Um die Lücken zu füllen, kaufte ich mir zu Studienzwecken Schallplatten wie Bergs Lulu oder Wagners Ring. Damals habe ich also einiges auch über die Schallplatte kennengelernt.
Mit dem Rundfunk habe ich mich wenig auseinander gesetzt, obwohl für mich der Rundfunk ein interessantes Medium ist; ich habe lieber gelesen.
Heute denke ich nicht im Traum daran, mir zu Hause eine Oper anzuhören! Ich schreibe am Tag mindestens eine Stunde Briefe, dann lese ich noch und höre ab und zu Musik, aber niemals gleichzeitig. Zur Entspannung höre ich von Schallplatte nur wenige Werke, meist Kammermusik, kaum große Symphonien - mit Ausnahme von Bruckner -, weil sie meiner Meinung nach in den Konzertsaal gehören.
Ansonsten ist Musikhören für mich ein Studium; ich kann mir Neue Musik aus der Partitur nicht im Kopf vorstellen. Sobald es neue Kompositionen auf Schallplatte gibt, versuche ich, sie mir anzuhören.
Es war also für Sie ein Vorteil, daß Sie in einer kulturarmen Stadt wie Gent Opern wenigstens per Schallplatte hören konnten, wenn man bedenkt, daß im 19. Jahrhundert ein Opernbesuch noch ein absolutes Privileg war. Walter Benjamin sprach in diesem Zusammenhang von dem Demokratisierungseffekt durch die technische Reproduktion der Kunst.
Solange das Buch oder die Schallplatte Dokumente darstellen, die breiten Bevölkerungskreisen helfen, mit Kunstwerken in Kontakt zu kommen, bin ich ihr Befürworter. Aber ihre Produktion allein schafft noch keine Demokratisierung; dies wird heutzutage vollkommen falsch gesehen. Die Massenproduktion eines Pavarotti bedeutet nicht automatisch die Massendemokratisierung der Musik; nein, es ist die Verluderung, der Ausverkauf der klassischen Musik.
Ich glaube, wie auch schon Benjamin gesagt hat, man muß sogar rückwärts gehen und sagen: Die Kunst muß auch etwas fordern! Das heißt, die Kunst muß zwar zugänglich gemacht werden, sie darf sich aber nicht anbieten wie eine Hure! Die Menschen müssen ihrerseits auch etwas mitbringen, denn das Nehmen allein bedeutet noch keine Demokratisierung. Die Medien müssen also erst vom Volk verstanden werden. Hier wird die Wichtigkeit der Erziehung deutlich - der Preis und die Mühe, die für ein breites Verständnis der Kunst bezahlt werden müssen.
Sie haben die Intention, aus unserem Riesenkulturbetrieb ein Stückchen Kunst zu retten. Warum streiten Sie dafür?
Vielleicht führe ich den Kampf eines Don Quijote. Kulturschaffende und sogenannte Intellektuelle sind sich der Probleme nicht immer bewußt. Sie sind z.B. der Meinung, daß Festspiele nur repräsentativ sein sollen, nur Stars aufbieten und die Traditionen bewahren sollen. Kaum jemand denkt hingegen über den Wertewandel im musikalischen Leben nach. Selbst die Pädagogen haben nicht bemerkt, wie sehr sie schon vereinnahmt und eingewickelt sind.
Wenn man sich aber nicht mit dem Medienphänomen beschäftigt, wenn nur noch Leute wie ich übrigbleiben, die noch die Kraft und Macht haben, sich dagegen zu wehren, könnte es für die Musikkultur gefährlich werden.
Celibidache hat die apokalyptische Vision, daß die Musik sterben wird und daß die Musikkultur vor dem Untergang steht.
Es gibt keine Zivilisation, die ich für die absolut richtige halte; in jeder von ihnen entstehen Kunstwerke. Wenn die Originalität dieser Kunst nicht bewahrt, sondern nur noch vermarktet wird, wird die betroffene Zivilisation daran zugrunde gehen.
Das ist ein wiederkehrendes Gesetz in der Menschheitsgeschichte; deshalb bin ich auch nicht traurig darüber. Ich finde Kunstwerke wunderbar, sie werden auch in Zukunft ihre Wirkung haben. Die heutige Realität weist aber darauf hin, daß die westliche Gesellschaft die energetische Kraft ihrer Kunstwerke nicht mehr versteht.
Für mich ist nicht der Ausgang eines Kulturkreises von Bedeutung, sondern der Fortschritt der Menschheitsgeschichte. Obwohl das Mittelalter vorbei ist, hat die Aussagekraft der Kathedrale von Chartres überlebt. Die Antigone von Sophokles hat noch heute ihre Kraft. Auch die Erfindung des Buchdruckes hat Kunstwerke nicht zerstören können, und Shakespeare, Goethe ebenso wie Mozart und viele Komponisten des 20. Jahrhunderts werden jede Vermarktung überleben.
Eine Gesellschaft entscheidet selbst über ihren Untergang, was ich als einzelner nicht verhindern kann. Aus dem Untergang kann ein neuer Phönix aufsteigen. Dies werden die Kunstwerke sein - nicht die Interpreten, nicht die Schallplattenfirmen. Ich versuche mit meinen bescheiden Möglichkeiten, diesen Kunstwerken die Möglichkeit der echten Kommunikation zu verschaffen.
Kann man das im Sinne von Luther verstehen: "Sollte die Welt morgen untergehen, so werde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen."?
Ja, sehr schön, das ist auch meine Einstellung. Ich kann auch morgen nach Australien auswandern und versuchen, Kultur zu machen. Wo ich dies mache, ist gleichgültig, Hauptsache es ist sinnvoll.
(Interview vom 18.6.1994, Salzburg)
© Frank Stepanek, Auszüge nur als Zitate.