Yehudi Menuhin

im Gespräch mit Frank Stepanek

Yehudi Menuhin"Live Music Now" - Rundfunk
Hintergrundsmusik - Stille
Schallplatte und Interpretation
Frühe Erinnerungen
Pädagogik

Der Geiger, Dirigent, Pädagoge und Autor Lord Yehudi Menuhin (geb. 1916, New York, gest. März 1999) gab bereits im Alter von sieben Jahren als Wunderkind mit dem San Francisco Symphony Orchestra auf, gab 1929 sein berühmtes erstes Berliner Konzert unter Bruno Walter, bei dem er die "drei B", die Violinkonzerte von Bach, Beethoven und Brahms, spielte. 1932 folgte in London eine vielbeachtete Schallplatten Aufnahme des Violinkonzerts von Edward Elgar unter der Leitung des Komponisten. Seinen Ruhm begründete und pflegte er aber nicht in erster Linie durch zahlreichen Schallplattenaufnahmen, sondern als Virtuose auf den Konzertpodien der Welt; 1935 unternahm er eine einjährige Welttournee, auf der er in 63 Städten 110 Konzerte gab.

Menuhin führte auch zeitgenössische Komponisten auf, die zum Teil für ihn komponieren (Béla Bartók), er setzte sich auch mit dem Jazz und der außereuropäischen Musik auseinander (Konzerte mit dem indischen Komponisten und Sitar-Spieler Ravi Shankar und dem Jazzgeiger Stephane Grappelli). Seit den 70er Jahren ist er zunehmend als Dirigent tätig (Menuhin Festival Orchestra; seit 1982 Präsident des Royal Philharmonic Orchestra London);

Seine pädagogischen Vorstellungen - auch im Bereich der musikalischen Früherziehung - versucht er nicht nur theoretisch zu fixieren sondern auch praktisch umzusetzen. So gründete er 1963 die Yehudi-Menuhin School of Music in Surrey (England).

Von seinen zahlreichen Reden und Schriften seien hier nur genannt: Die Autobiographie Unvollendete Reise (München 1976), Ich bin fasziniert von allem Menschlichen: Gespräche mit Robin Daniels (München, 1982), Kunst als Hoffnung für die Menschheit. Reden und Schriften (München 1985) Lebensschule (1986) Als Präsident des Musikrates der UNESCO (1969-1975) leistete er einen wichtigen Beitrag zur Verständigung der Musiker untereinander und zur Annäherung der Kulturen. 1979 bekam er den Friedenspreis des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.

"Live Music Now", Rundfunk

Frank Stepanek: Sie haben 1977 in England das Benefizprojekt "Live Music Now" (LMN) ins Leben gerufen. Seitdem wurden von dieser Organisation weltweit zahlreiche Konzerte beispielsweise in Fabriken, Krankenhäusern, Gefängnissen und Bergwerken organisiert. Warum finden Sie es so wichtig, daß diese Menschen Live-Musik erleben? Sie könnten doch auch Radio hören.

Yehudi Menuhin:
Das ist ja gerade der Unterschied. In einer Stadt haben die Menschen noch nicht einmal eine Kuh gesehen. Sie trinken dennoch Milch und glauben, sie wird in einer Fabrik hergestellt. Ebenso hören sie Radio und wissen nicht, was es bedeutet, wenn Menschen Musik machen. Was heute fehlt ist ein Gefühl für das Organische, daß der Mensch mit allem verbunden ist, so wie ein Baum mit der Erde durch seine Wurzeln. Man glaubt heute, man kann einen Baum einfach erzeugen, ohne diese organischen Zusammenhänge zu kennen.

Die Dinge, die wir heute brauchen, wollen wir möglichst schnell in Besitz nehmen, indem wir sie einfach wie Früchte abpflücken. Aber wir vergessen, daß alles im allmählichen und organischen Werden befindlich ist. Wir haben die mühsame Vergangenheit der Dinge vergessen und glauben, daß sie fertig verpackt in einem Paket ankommen. Man unterscheidet nicht zwischen dem, was künstlich fabriziert wird, und dem, was organisch wächst.

Deshalb versucht das Projekt LMN gerade den Menschen, die sonst nicht in ein Konzert gehen können, einmal Frischgemüse statt Konserven anzubieten, weil dies gesünder ist.

Auf der anderen Seite bietet das Projekt jungen Musikern die Gelegenheit, rechtzeitig Bühnenerfahrung zu sammeln. Sie sollen fähig werden, zum Publikum einen menschlichen und persönlichen Kontakt aufzubauen. Dies ist gerade heute so wichtig, wo Menschen eher gegeneinander als miteinander arbeiten.

Was halten Sie von der häppchenweisen Präsentation von "Highlights" klassischer Musik in den Medien? In Deutschland sind Sendungen wie "Achtung Klassik" oder "Klassik Radio" auf diese Weise populär geworden.

Den schnellsten Läufer bei einem Sportwettkampf kann man ermitteln, aber nicht die schönste Blume aus einem Garten. Man vergißt, daß eine Blume nur in Verbindung zur Umgebung - zu einem Teich, einem Stein oder einem Baum - schön sein kann. Ein Musikstück ist vergleichbar mit dem Verlauf eines Menschenlebens. Wenn man es hört, wird man wie von einem Strom in ein neues Leben getragen. Ein Leben läßt sich aber nicht zerstückeln.

Können Menschen, die bisher noch keinen Zugang zu klassischer Musik hatten, durch die mundgerechte Zubereitung leichter an diese Musik herangeführt werden, oder wird dadurch das Verständnis für die großen Zusammenhänge verbaut?

Beides ist möglich. Für manche Menschen wird dadurch die Klassik zum gleichen Einheitsbrei, wie die schon gewohnte Berieselungsmusik, für andere könnte eine Neugier auf ein tieferes Eintauchen entstehen. Das Verständnis für die großen musikalischen Kunstwerke muß sich langsam entwickeln. - In der Musikgeschichte gab es immer die kleinen Formen, wie etwa die Allemande oder die Bourrée, neben den großen Formen, wie etwa die Sinfonie oder die Sonate. Kurze Stücke wurden schon immer auch einzeln vorgetragen. Es ist aber fatal, musikalische Zitate aus dem Zusammenhang zu reißen, um damit gar eine Automarke besser verkaufen zu wollen.

Wie beurteilen Sie die zunehmende Visualisierung der Musik durch Fernsehen, Videoclips etc.?

Heute wird primär mit den Augen entschieden. Man glaubt dem, was man sieht und nicht dem, was man hört. Das ist natürlich falsch. Das Sehen entscheidet mit dem Intellekt, daher schafft es Distanz. Das Ohr wie auch die Zunge oder die Haut, können hingegen nicht so leicht getäuscht werden, denn sie erleben und entscheiden unmittelbar. Im Gegensatz zu einem musikalischen Werk ist das Auge zu schnell, es trägt kein Gefühl, keine Leidenschaft in sich.

Sie sagten einmal, daß Sie manchmal den Eindruck hätten, die Zuhörer im Konzert würden gerne an einem Knopf drehen, um auch einmal etwas anderes zu hören ...

Das war einmal in den USA, in einem dieser künstlichen Vororte am Rande einer Großstadt. Eigentlich will niemand dort leben. Wenn man zu etwas Geld gekommen ist, zieht man in die Großstadt, wo es auch Arbeit gibt. Die Musik kennt man nur noch durch den Knopfdruck und das Weiterdrehen am Radio. Diese Menschen sind nicht mehr in der Lage, einem Konzert zu folgen.

Das ist heute eine allgemeine Zeiterscheinung, wie das Zappen vor dem Fernseher. Manche Jugendliche hören mehr als sechs Stunden am Tag Musik ...

... oder sie starren sieben Stunden am Tag ins Fernsehen, was offenbar in den USA nicht ungewöhnlich ist: Diese Menschen müssen ja vollkommen unkritisch werden. Das ist schrecklich! Für die Augen, für den Körper, die Bewegung, für das Gehirn - ein bestialischer Effekt.

Hat sich die Gesellschaft auseinander entwickelt, in einen Teil, der von den Medien manipuliert wird und in einen anderen Teil, der es gelernt hat, damit umzugehen?

Das Konzertpublikum hat sich nicht so sehr geändert, es ist eher noch informierter und gebildeter geworden. Die jüngeren Konzertbesucher können zunehmend etwas mit der zeitgenössischen Musik anfangen. Die unzähligen Menschen hingegen, die vor dem Fernseher und Radio sitzen, haben sich sehr verändert.

Aber man muß differenzieren: Es gibt Menschen ohne Arbeit und Menschen, die mehr als je zuvor arbeiten. Alles übertrieben. Es ist schade, daß die meisten Menschen einer Arbeit nachgehen müssen, die ihnen an sich keinen Spaß macht. Vielleicht kann dies überwunden werden, indem man die Arbeitszeit verkürzt und versucht, sich ein erstrebenswertes Ziel zu suchen. Es gibt immer mehr sogenannte "Arbeitslose", - leider ist dieser Begriff negativ besetzt. Vorausgesetzt, ihre soziale Existenz ist gesichert, gäbe es heute genügend Möglichkeiten für sie, in Würde das Leben zu gestalten. Es müßte doch sehr schön sein über freie Zeit zu verfügen, seine Hobbys und Phantasie zu kultivieren und sich künstlerisch zu betätigen. Für die Menschen mit reichlicher Freizeit könnte die Musik eine Hilfe sein.

Viele von ihnen lassen sich aber berieseln, sie hören nicht richtig zu.

Ja, die Musik verkommt zu einer Sound-Tapete. Den Menschen gelingt das Kunststück zu arbeiten oder zu lernen, während der Fernseher oder das Radio läuft. Wenn die Berieselung ausgeschaltet wird, werden sie nervös. Sie müssen eine innere Leere ausfüllen. Unser Leben ist ständig unter Druck, es gibt immer eine bestimmte Absicht, Zielsetzung. Wir wissen nicht, wie wir abschalten sollen. Zwischen allen Aktivitäten müßte man eigentlich eine Ruheposition finden, wie bei den Gängen eines Autos, wo es einen Leerlauf gibt. Wir kommen aber von einem Zustand in den nächsten, ohne diesen Leerlauf einzulegen.

Was halten Sie von "Techno"?

Techno? Was ist das?

Könnten Sie sich vorstellen, daß hier eine Generation von Abhängigen heranwächst?

Ich bin trotz allem davon überzeugt, daß die Menschen sich eines Tages von den Zwängen und Versuchungen der Medien befreien können.

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Hintergrundsmusik - Stille

Stört Sie persönlich Hintergrundsmusik in Restaurants, im Flugzeug usw.?

So etwas habe ich überhaupt nicht gerne - es sei denn, ich befinde mich gerade in der richtigen Stimmung und die Musik paßt zu dem Ambiente, z.B. wenn in einem Zigeunerrestaurant Zigeuner musizieren. Ich bin aber sehr davon irritiert, daß manche glauben, genau die Musik auswählen zu können, die mir oder anderen Freude machen würde. Tatsächlich ist das eine Zumutung! - Vor kurzem wurde im Flugzeug vor dem Start so eine grausame Musik gespielt; sie klang so, als würde das Flugzeug gerade abstürzen ...

Beschweren Sie sich, wenn Sie eine Hintergrundsmusik nicht hören wollen?

Ja, als ich einmal in einem Restaurant war - außer mir waren nur noch zwei Personen an einem anderen Tisch -, wünschte ich, daß die Musik abgeschaltet werde. Es hieß aber, daß die Gäste es gerne hören. Ich wies darauf hin, daß lediglich zwei Gäste anwesend seien, man solle sie doch fragen. Man wollte die Musik aber nicht ausschalten, weil sie einfach dazu gehörte, sie wurde lediglich leiser gedreht. - Wenn ich im Auto fahre, bitte ich regelmäßig den Chauffeur, die Musik auszuschalten.

Ich glaube, die Menschen ergreifen nicht genügend die Initiative. Sie trauen sich nicht zu sagen, daß es sie stört, sondern sie erleiden es.

"Die Grundlage aller Musik ist die Stille" sagt Alfred Brendel.

Eben, die Menschen wollen nicht lernen, diese Stille zu erfahren, sie mit dem eigenen Körper und den Gedanken zu entwickeln. Es gibt eine alte Geschichte von einem Schwarzen in Amerika, der sagte: "Sometimes I sit and think and sometimes I only sit." Er vertraute der Stille ...

Der Kommerz läßt keine Chance ungenutzt, in diese Lücke einzuspringen. Er verkauft, sobald er eine solche zeitliche oder räumliche Leere entdeckt. Als ob es nicht genug wäre, auf etwas zu warten oder einfach den Leerraum zu genießen - nein, es müssen Ungeduld und Gier sofort befriedigt werden.

Aber die Menschen haben vor der Stille große Angst ...

... weil sie beschäftigt sein wollen. Die Finger müssen eine Zigarette haben, der Mund muß fortwährend etwas essen. Als ich ein Kind war, gab es feste Zeiten zum Essen und zwischendurch eine Zeit zum Teetrinken. Es gab keine Kinder, die fortwährend etwas trinken oder essen. Auch der Magen braucht Zeit zum Assimilieren.

Viele Menschen sind einseitig entweder nur geistig oder nur physisch ausgefüllt. Bei der dadurch erzeugten Unausgeglichenheit setzt die Unterhaltungsindustrie an, mit Fernsehen, Schallplatten und Pornographie usw. Es gibt wenige Menschen, die gleichzeitig geistig und körperlich ausgeglichen sind, weil nur wenige in der Lage sind, ihre Potentiale richtig auszuschöpfen. Das Schöne an der musikalischen Betätigung ist, daß gerade dies mit ihr gelingt.

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Schallplatte und Interpretation

Ist es eine adäquate Methode, noch vor der eigenen musikalischen Interpretation eine entsprechende Schallplattenaufnahme zu hören?

Nein, das ist überhaupt nicht gut. Ich selbst studiere lieber zunächst die Partitur. Erst nachdem ich das meiste durchdacht habe, kann es vorkommen, daß ich andere Interpretationen von Schallplatten anhöre.

Ich habe viele junge Musiker - mit zum Teil hervorragender Technik - auf Wettbewerben gehört, die nur bestimmte Platten imitieren, ohne die Musik zu verstehen. Dies macht aber keinen Sinn, es zeugt lediglich von einer mangelnden inneren Überzeugung.

Wie kann der Interpret und Komponist trotz akustischer Umweltverschmutzung durch Lärm und Musik in seine inneren Tiefen und sein inneres Gehör vordringen?

Das innere Gehör ist schon sehr, sehr wichtig. Musik sollte man auseinandernehmen und zusammensetzen können und daraus eine richtige Interpretation entstehen lassen. Dieser Prozeß geschieht heute leider meistens nicht. Auch aus ganz modernen Stücken könnte man mit dieser Methode etwas machen.

Trotzdem wird es aber immer wieder unvergleichliche Aufführungen geben, die wiederum von einer späteren Aufführung übertroffen werden können. Dies wird dann gelingen, wenn der Interpret das Stück wirklich in sich trägt und jedesmal neu durchlebt. Mit diesem Erlebnis der Verinnerlichung wird er auf ganz hohem Niveau etwas Neues erreichen. Es gibt immer wieder besondere Geister, die das Innere durchforschen, die nach dem Thema suchen, nach den rhythmischen, harmonischen und melodischen Hauptzellen, aus denen ein Werk entspringt.

Sie selbst versuchen, Ihr Musizieren in jedem Konzert auf die unterschiedlichen Voraussetzungen einzustellen und spontane Variationen einzubringen. Glauben Sie, daß eine flexible Haltung des Interpreten heute schon als Konsequenz auf die Überlegenheit der Technik, was Genauigkeit und Fehlerfreiheit anbelangt, geboten ist?

Ja. Ich selbst bin während des Spiels von gewissen musikalischen Grundlagen überzeugt, worauf ich dann jeden Abend wieder neu aufbaue. Es ist sehr schön, den Gedankengang des Komponisten immer wieder aufs neue von Note zu Note zu verfolgen. Dieser Prozeß erhält die Frische des Spiels. Denken und Fühlen dürfen nicht auseinandergeschnitten werden, sondern beides muß fortwährend aktiv zusammengebracht werden. Das ist ein wunderbarer Prozeß, so sollte es überhaupt im Leben sein.

Bevorzugen Sie Live- oder Studioaufnahmen?

Beides hat seinen Wert. Es gibt schlechte Live- und schlechte Studioaufnahmen. Ich hätte gerne alle meine Aufführungen aufgenommen, weil manches einmalig gut war. Daran hätte ich gerne eine Erinnerung gehabt. Es werden demnächst die neun Sinfonien von Beethoven auf Tonträger herauskommen. Sie wurden live aufgenommen, sehr gelungen. In einer Live-Aufnahme ist mehr Spannung. - Für den Musiker selbst ist eine Studioaufnahme, die immer in einer klinischen Atmosphäre entsteht, sehr lehrreich. Sie hat für ihn in etwa die gleiche Bedeutung wie der Spiegel für die Frau. Die Tonbandaufnahme brecht sein subjektives Gehäuse auf und verschafft ihm ein kritisches Bewußtsein. Der Musiker neigt manchmal dazu, sich zu betrügen, manchmal glaubt er, daß er leidenschaftlich gut spielt, in Wahrheit spielt er aber sehr schlecht.

Gehen Sie gerne ins Aufnahmestudio?

Früher habe ich die Abgeschlossenheit im Studio gern gehabt. Als die Aufnahmetechnik mit "High Fidelity" verbessert wurde, wurden allerdings die kleinsten Unebenheiten im Spiel erschreckend wie mit der Lupe vergrößert. Dies forderte zur nützlichen Disziplinierung, weit über die Fähigkeiten des menschlichen Ohres. Dadurch wurde es aber auch schwer, musikalische Gefühle zu entfalten.

Bei der Schallplattenfirma EMI haben Sie auch Werke aufgenommen, die Sie vorher nicht öffentlich gespielt habe, z.B. Bartóks Bratschenkonzert, Berlioz´ Harold in Italien oder Boyces sechs Sinfonien ...

Boyces Sinfonien haben vorher weder das Orchester noch ich gehört; eine Schallplatte davon gab es noch nicht. Die Bandaufnahmen haben die musikalische Erarbeitung enorm beschleunigt: Wir haben uns jeden "Take" angehört, anschließend beurteilt und korrigiert. Auf diese Weise haben wir eine erstaunliche musikalische Entwicklung gemacht.

Stören Sie Fehler in einer Aufnahme?

Ja, die kann man aber am nächsten Tag herausschneiden.

Glauben Sie, daß die Schallplatte das Konzerterlebnis wirklich festhalten kann? Sergiu Celibidache behauptet, die Schallplatte kann keine Musik festhalten.

Celibidache hat bestimmt damit recht, daß die Aura beim Klang der Platte fehlt. Aber wir sind doch Menschen und wollen auch andere an schönen Aufführungen teilnehmen lassen. Was sagt er von einer Live-Aufführung, die zur gleichen Zeit für Millionen ausgestrahlt wird? Er hätte bestimmt nichts dagegen. Wenn man den Live-Mitschnitt aber erst am nächsten Abend senden würde, wo wäre da der Unterschied zu einer Schallplatte? Ich finde diesen Standpunkt etwas übertrieben. Ich mag absolute Standpunkte nicht.

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Frühe Erinnerungen

Haben Sie Kindheitserinnerungen an das Grammophon und das Radio?

Ich hörte beides so gut wie nie. Das Radio gab es noch nicht, als ich klein war und die Schellackplatten konnten nur kurze Stücke wiedergeben. Ich erinnere mich noch an Aufnahmen des fabelhaften Geigers Jascha Heifetz. Wichtiger war für mich allerdings immer das eigene Musizieren und Live-Konzerte. Ich hatte eine natürliche Neigung zu russischer Volksmusik, zu Zigeunermusik und zu romantischer Musik. Mein Vater sang, er kannte hunderte von Liedern. Das war für mich Musik!

Waren Sie mit den Aufnahmen Ihrer eigenen Interpretationen zufrieden?

Ja, oft, aber ich habe sie höchstens zufällig wieder gehört. Die Platten die ich vor ungefähr 70 Jahren einmal aufgenommen habe, würden mich jetzt wieder interessieren.

Ich fuhr einmal mit meiner Frau auf einem französischen Schiff auf dem Atlantik. Es waren schöne ruhige Tage, wie wir sie sonst nicht haben. Auf dem ganzen Schiff wurde das Violinkonzert von Beethoven übertragen, das auch wir morgens im Bett hörten. Ich sagte: "Ach, das ist wirklich schön, so interessant will ich es auch einmal spielen." Als ich mich per Telefon erkundigte, erfuhr ich, daß es sich um eine Einspielung von Furtwängler und mir selbst handelte.

Wenn ich zufällig ein Konzert im Radio höre, macht es mir Spaß. Aber mich hinzusetzen, um ein Konzert zu verfolgen - fürchterlich. Ich will keine Zeit damit verlieren, alte Sachen aufleben zu lassen, sondern ich will Neues schöpfen.

Sie hören also selbst nur wenig Schallplattenmusik?

Ganz selten. Von irgendwelchen Konzerten habe ich so gut wie nie Aufnahmen gehört, ich könnte mich jetzt auch an keine erinnern. Ich habe tausend andere Sachen zu tun, die wichtiger sind.

Es ist ein Phänomen, daß viele Musiker sehr wenig Schallplatten hören.

Einfach deshalb, weil sie mit Musik beschäftigt sind. Vielleicht hören sie einmal eine Aufnahme und entscheiden, wie sie ihnen gefällt; das genügt dann aber auch. Es ist nicht nötig, sie zweimal zu hören. Beim zweitenmal weiß man schon im voraus, was geschehen wird, deshalb fehlt dann der Reiz des Hörens, es sei denn, die Aufnahme ist außergewöhnlich gut.

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Pädagogik

Die meisten Kinder wachsen heute mit dem Radio und den Tonkonserven quasi als musikalische Muttermilch auf.

Ja, sie kennen nur noch diesen verstärkten Klang. Ihm kann man auch viel bequemer als der natürlichen, unverstärkten Musik folgen. Ich glaube nicht, daß elektronische Klänge zarte Gefühle wecken können. Im Gegensatz dazu spielten die klassischen indischen Musiker ursprünglich für die kleinen Kinder absichtlich leise klingende Instrumente.

Auch in der abendländischen Musikkultur gibt es zahlreiche Instrumente die sehr leise sind, beispielsweise das Clavichord oder die Laute. Sie werden aber kaum mehr gehört.

Durch die Elektronik ist die Musik immer lauter geworden. Wir leben in einer Zeit, in der jeder gegen jeden lebt. Deshalb muß jeder so laut schreien wie möglich, um gehört zu werden. Nur den Lautesten gelingt es, sich Gehör zu verschaffen. Diejenigen, denen dies bei einem ganzen Volk gelingt, werden dann Diktatoren. -

Popmusik ist für die Heranwachsenden eine eigene Welt. Wenn sie in den Armenvierteln von Liverpool oder in den amerikanischen Großstädten spontan entsteht, habe ich viel Verständnis dafür. Die Popmusik ist jedoch zum großen Teil so stark kommerzialisiert, daß sie jeden Wert und Inhalt verliert. Sie kann vielleicht die Nöte und Sorgen des Alltags verdrängen. Wenn in Popkonzerten aber nur hypnotische Effekte und kurze schockartige Impressionen geboten werden, ist dies ein brutaler Angriff auf unsere fünf Sinne. Niemand bemüht sich, Musik zu machen, die den Kindern entsprechen könnte.

Erfordert das musikalische Lernen Ihrer Meinung nach viel Disziplin?

Nicht, wenn man wirklich interessiert ist. Dann tut man das, was man wirklich möchte. Es gibt viele Pädagogen, die nicht die Kunst beherrschen, ihr Fach faszinierend zu gestalten. Ein guter Lehrer kann auch für die Mathematik begeistern.

Wenn aber ein Schüler nicht weiß, was er will?

Dann müßte er singen und Schlagwerk spielen. Das Instrument darf erst danach kommen. Am Instrument muß dem Kind der Ton und die Melodie gefallen, das Romantische, wie man es hält, die Saiten zupft ... Da muß eine Anziehung bestehen, sonst hat es keinen Sinn. Es gibt z.B. schon kleine Kinder, die unbedingt Kontrabaß spielen wollen - sie spielen es dann ihr ganzes Leben. Ich bin davon überzeugt, daß es keine unmusikalischen Menschen gibt. Die Musikalität kann aber durch falsche Erziehung unterdrückt werden.

Was könnten die Lehrer an den Schulen verbessern?

Immer noch müssen Kinder in der Schule Bücher auswendig lernen. Ich glaube, die Erziehung geht zuviel von Tatsachen aus, welche angeblich vorgegeben und allgemeinverständlich sind, z.B.: "Die Erde ist rund". Besser wäre es dem Kind beizubringen, daß es selbst die notwendigen Fragen stellt und die Beweise erbringt. Man muß es davon überzeugen, daß die Erde rund ist, es genügt nicht, dies lediglich zu behaupten. Sein Denkprozeß muß immer wieder angeregt werden. Ich versuche meinen Schülern nicht zu sagen: "So muß es sein!", sondern: "Warum muß es so sein? Warum mache ich jetzt das?" Die Schüler sollen nicht nachmachen, sondern selbständig denken.

Kann man die Kinder auf die Hektik des modernen Lebens vorbereiten?

Heranwachsende Kinder sind erstaunlich gut in der Lage, sich zu konzentrieren. Dies kann man ihnen beibringen, z.B. über das Atmen: einatmen - langsam ausatmen usw. Man kann sich auf den Boden legen und seinen eigenen Puls in den Adern fühlen. Dies ist eine ruhige Konzentration.

Welche Medizin würden sie den Kindern gegen die musikalische Umweltverschmutzung empfehlen?

Sie sollten sich aktiv musikalisch betätigen. Instrumente sind besonders hilfreich als Grundlage für die kindliche Entwicklung. Man kann beispielsweise Kinder mit den verschiedensten Instrumenten sich selbst überlassen. Zunächst wird aus dem freien Spiel ein Chaos entstehen, jeder wird versuchen, lauter als der andere zu spielen. Dann aber wird sich so etwas wie eine organisierte Ruhe entwickeln, die Kinder werden beginnen, aufeinander zu hören. Jetzt kann der Pädagoge sagen: "Laßt einmal nur einen allein spielen, die anderen hören zu und machen es ihm dann nach!" Es ist also möglich, aus dem Chaos eine Struktur zu erzeugen!

Wir leben immer mit der Angst, daß unsere Strukturen zerstört werden. Es ist auch richtig, daß wir uns zur Zeit an einem Endpunkt einer Organisation befinden, aus dem schon morgen das Chaos ausbrechen könnte. Aber aus dem Chaos entsteht immer wieder eine Ordnung.

(Interview vom 5.8.1995, Ulrichshusen, im Anschluß seiner Aufführung des "Messias" von G.F. Händel)

© Frank Stepanek, Auszüge nur als Zitate.

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