Rundfunk
Kaisers Konzertführer
Kindheit - Universität
Kritikerberuf
Demokratisierung
Erhöhter Anforderungsdruck
Natur und Konserve
Karajan
Musik im Alltag
Pädagogik - Kultur
Der Theater-, Literatur- und Musikkritiker Joachim Kaiser (geb. 1928, Milken in Ostpreußen) ist Feuilletonchef der Süddeutschen Zeitung und seit 1977 ordentlicher Professor an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart. Von seinen zahlreichen Publikationen seien hier insbesondere die musikalischen genannt: Große Pianisten unserer Zeit (1965 erw. Neuauflage 1989); Beethovens 32 Klaviersonaten und ihre Interpreten (1975); Erlebte Musik (1977); Mein Name ist Sarastro (1984); Leonard Bernsteins Ruhm (1988); Leben mit Wagner (1990).
In vielen seiner Publikationen und Rundfunksendungen verwendet Kaiser die Methode des Interpretationsvergleichs. Diese Methode der Gegenüberstellung verschiedener musikalischer Interpretationen, die durch die Tonträger wesentlich erleichtert, bzw. erst ermöglicht wird, verwendet er auch in seinem in CD-Form erschienenen Kaisers-Konzertführer.
Frank Stepanek:
Der Bayerische Rundfunk hat 1990 bis 1993 eine Vortragsreihe über Musik von Ihnen ausgestrahlt. Diese 21-teilige Reihe wurde nun in CD-Form als "Kaisers-Konzertführer" veröffentlicht. Wie ist es zu dieser Idee gekommen?
Joachim Kaiser:
Ich habe die etwas altmodische Überzeugung, daß man eigentlich nichts nebenher machen kann. Wenn man als Publizist arbeitet, muß man sich auch bei der harmlosesten Äußerung, beim raschesten Nebenher soviel Mühe geben, als ob dies eine Art Tagebucheintragung des eigenen publizistischen Lebens sei; man ist immer so gut oder eben so läppisch wie das Schwächste, was man macht.
Die Folge ist, daß ich mich nun seit 30, 40 Jahren vor jedem Konzertbesuch gründlich vorbereitet habe. Eine große Kritik über eine Festspieloper ist sehr anstrengend und im Grunde nichts anderes, als wenn man an einem großen Buch schreibt. Auf diese Weise habe ich im Laufe der Zeit viel Material zusammengetragen. Dies kann ich nun, weil alle meine Tätigkeiten irgendwie miteinander in Beziehung stehen, immer wieder unterschiedlich verwerten.
Beim Bayerischen Rundfunk habe ich über zehn Jahre fast jeden Monat ein bis zwei Beiträge gebracht, vor allem Interpretationsvergleiche. Ein Teil dieser Vorträge wurde nun in CD-Form veröffentlicht. Sie haben diese Interpretationsvergleiche auch für das Fernsehen produziert...
Ja, ich habe u.a. über Arrau, Horowitz und Rubinstein im WDR 40, 50 Sendungen dieser Art zusammengestellt. Leider hat sich das Fernsehen innerhalb der letzten 10 Jahre ungeheuer zu Ungunsten der E-Musik, also der traditionellen Musik, verschoben.
Meine Sendungen sind ohne Zitate, also Filmausschnitte von bekannten Künstlern, nicht denkbar. Ich sollte neulich für den Südwestfunk eine Rubinstein-Sendung machen. Ich habe ihn persönlich gekannt und oft in Amerika, oder wo immer er gespielt hat, gehört. Ich wollte zeigen, wie unterschiedlich er das Klavierkonzert c-Moll von Beethoven beginnt, wie er es sozusagen nicht "in der Tasche hat", sondern jedes Mal neu belebt und entstehen läßt. Ein solches drei-bis-vier-Minuten-Zitat hätte früher 4000 bis 5000 DM gekostet, heute sind dies, je nach Bedeutung des Künstlers, bis zu 50000 DM. Deshalb sagen die Sender: Kaiser, Sie sind uns lieb und wert, aber Sie kommen nicht über die vier bis sechs Prozent Einschaltquoten; dafür können wir nicht eine halbe Million für Zitate bezahlen. Daher gibt es meine Sendungen im Fernsehen nicht mehr.
Den Künstlern ist doch sicher daran gelegen, daß man sie porträtiert.
Natürlich. Die jungen Künstler sind allerdings nicht so teuer. Leider Gottes ist das Zitatrecht noch nicht eindeutig geklärt; das hat offensichtlich die Juristen überfordert. Ein Zitat unter drei Minuten kostet nichts, was ja unlogisch ist, denn es gibt viele Musikstücke, die keine drei Minuten dauern. Wenn ich aber aus der Götterdämmerung drei Minuten zitiere, dann ist das ja im Grunde genommen nur eine Pause.
Sie sprechen sich in einem Artikel positiv über Musik im Fernsehen aus, weil durch dieses Medium - im Gegensatz zu den auditiven Medien - noch mehr körperliche Komponenten wahrgenommen werden können. Würde es Sie auch reizen, einen Konzertführer in Form von Videos oder für das Fernsehen zu kreieren?
Ja, weil dies dem Konzerterlebnis schon näher käme. Schließlich sitzt man auch nicht blind im Konzertsaal. Es gibt zahlreiche Filmaufnahmen von interpretationsgeschichtlichem Rang. Martha Argerich, um nur ein älteres Beispiel zu nennen, hat Chopins Mazurken oder Liszts Es-Dur Konzert bei einer Fernsehaufzeichnung unvergleichlich besser gespielt als auf ihren Schallplatten. - Aber zum heutigen Fernsehprogramm: Wenn es sich auf der jetzigen Linie fortbewegt, wenn es also immer flacher und belangloser wird, dann muß man sich die Frage stellen, ob hier nicht "the medium the message" ist, also nur noch als Selbstzweck ferngesehen wird, unabhängig von den Inhalten. Wenn die Leute auf 40 Kanälen zappen können und wollen, dann gehört fast eine übermenschliche Geduld dazu, sich von Kaiser anzuhören, warum die "Les Adieux"-Sonate von Beethoven Programmusik ist oder nicht.
Meine ganze Tätigkeit lebt doch davon, daß ich in Deutschland ein großes gebildetes, musikinteressiertes Publikum habe. Im Moment ist es vor lauter Überinformation desinformiert.
Es fällt auf, daß Sie für Ihren "Kaisers Konzertführer" hauptsächlich Schlüsselwerke aus der klassischen und romantischen Epoche gewählt haben, mit Ausnahme von J.S. Bach, Berg und Strawinsky. Wäre es nicht lohnenswert gewesen, auch noch andere Komponisten in die Reihe aufzunehmen, um festgefahrene Hörgewohnheiten des Konzertpublikums etwas aufzulockern?
Jetzt ist die Frage, ob ich geschickt antworten soll oder ehrlich. - Nein, offen und ehrlich: In der Literatur geht mich das 20. Jahrhundert mehr an als jedes andere. Wenn Beckett ein neues Stück schreiben würde, Grass einen neuen Roman, die Bachmann ein neues Gedicht oder Sartre ein neues Essay, dann ist das meine Sache. Ich bin aber der Ansicht, daß die große traditionelle Musik zwischen Monteverdi und Verdi bis hin zum Anfang des 20. Jahrhunderts substantieller, reicher und der Aufmerksamkeit würdiger ist als das allermeiste, was nach 1945 komponiert worden ist. Wagners "Tristan" ist eben einfach besser als die "Soldaten" von Zimmermann.
Bei einigen Klassiksendungen gibt es heute die Tendenz, Ausschnitte aus ursprünglich geschlossenen klassischen Musikwerken ohne weitere Information zu senden. Glauben Sie, daß so eine neue Hörerschaft für diese Musik gewonnen werden kann oder vielmehr die "hehre Kunst" verraten wird?
Sendungen, die klassische Musik ohne An- und Absage bringen, sind schädlich! Musik wird dabei anonymisiert, und das hat sie nicht verdient. Hier besteht die Gefahr, daß aus Kultur eine Kulturindustrie wird. Ich habe einmal einen Taxifahrer während der Fahrt gefragt, wie er solche Sendungen findet. Er sagte: "Wissen Sie, eine ganze Bruckner-Sinfonie ist für mich zu lang. So lange stehe ich mit meinem Wagen nirgendwo. Die kleinen Häppchen sind gerade okay. Aber eine kurze Ansage zum Stück fände ich ganz gut."
Es ist immer das gleiche Problem, daß sich niemand darüber beschwert; deshalb ändert sich auch nichts. Es bemängelt z.B. auch niemand, daß bei einer großen Tageszeitung der Feuilletonteil immer schmäler wird.
Der "Kaisers Konzertführer" enthält auch Ausschnitte aus zusammenhängenden musikalischen Werken. Ist in diesem Falle eine Verkürzung aus musikpädagogischen Gründen gerechtfertigt?
Die zitierten Musikausschnitte sollen kein Ersatz für das ganze Werk sein. Die h-Moll Suite von Bach, die ja nicht sehr lang ist, habe ich sogar bewußt verkürzt wiedergegeben, damit sich dadurch der Hörer vielleicht für das ganze Werk interessiert. Wenn ich davon überzeugen kann, daß die Musik etwas ist, wofür es sich lohnt zu leben, dann verspüre ich eine Art pädagogischen Eros.
Wie stehen Sie zu der ZDF-Sendung "Achtung Klassik" mit Justus Frantz?
Sie Sendung schadet nichts, aber nützt auch nichts, im Gegensatz zu Reich-Ranickis "Literarischem Quartett" - die ist positiv und nützt. Justus Frantz ist als Pianist besser als seine Kollegen sagen. "Achtung Klassik" ist aber lediglich eine auf ihn zugeschnittene Personality-Show; und über Beethoven sagt er wirklich gnadenlos harmlose Sachen. Auf der anderen Seite ist es ihm gelungen, eine Schallmauer zu durchbrechen, ebenso wie z.B. Karajan und Reich-Ranicki. Diese Namen kennen auch Leute, die mit Kultur nichts zu tun haben. Mich hingegen kennen nur Menschen, die sich wirklich mit Kultur beschäftigen.
Was war in Ihrer Kindheit und Jugend der bestimmende Faktor für Ihre musikalische Laufbahn: Live-Musik oder das Radio bzw. Grammophon?
Hausmusik! In diesem musikalischen Bereich bin ich absolut zu Hause. In Beziehung auf Opern fühle ich mich im Urteil vielleicht nicht immer hundertprozentig; aber beim Klarinettenquintett von Brahms oder bei einer Beethoven-Sonate bin ich mir sehr sicher. Diese Musik ist - das mag vielleicht arrogant klingen - in meine Persönlichkeit übergegangen.
Natürlich habe ich auch einen Teil meiner musikalischen Bildung, z.B. über Musik von Bartók und Schönberg, der Schallplatte zu verdanken. Gerade bei Neuer Musik kann man sich über Schallplatte gut informieren.
Sie sagten einmal: "Musikstücke, das will ich zeigen, sind keine Opuszahlen, sondern Individuen, die von Menschen in bestimmten Lebenssituationen erfunden wurden." - Da klingt ein pädagogisches, ein journalistisches und ein musikwissenschaftliches Moment an. Auf welcher Seite sehen Sie sich mehr?
Ich studierte sofort nach dem Abitur bei Professor Rudolf Gerber in Göttingen Musikwissenschaft. Er war begeistert von mir, weil ich mich sehr gut auskannte. Ich wußte z.B. alle Opuszahlen und Werke von Brahms. Ich kann Ihnen nicht verhehlen, daß ich von Semester zu Semester unglücklicher bis verzweifelt wurde. Ich hatte das Gefühl, daß ich da mit Leuten zusammensitze, die in gewisser Weise keinen Spaß an Musik haben; sie lesen die Musik nur mit dem Auge; das ist so eine Art Onanieren. Das hatte mit der Musik, wie ich sie kannte und liebte, relativ wenig zu tun. Mich hat die Musikwissenschaft in einem ganz fürchterlichen Maße enttäuscht und kalt gelassen.
Ähnliche Erfahrungen konnte ich ebenfalls machen ...
Auf der anderen Seite war ich sehr gut befreundet mit Carl Dahlhaus und Rudolf Stephan - zwei weltberühmte Professoren. Was ich in den Gesprächen mit diesen beiden gelernt habe - wenn ich mit Carl nachts bis um vier Uhr auf zwei Klavieren donnerte oder mit Stephan mir die "Psalmensinfonie" anhörte -, das war unendlich viel mehr als bei jeder Univorlesung. Da habe ich auch erfahren, daß man bestimmte Sachen z.B. über den Tonsatz wissen muß.
Dann sattelte ich um und habe in Germanistik über Grillparzer promoviert. Als ich nach München kam, war ich bekannt als Theater- und Literaturkritiker. Und einfach nur, um in die Konzerte zu gehen, sagte ich: "Also, von Musik verstehe ich auch etwas; ich würde gerne den Knappertsbusch hören!" Auf diese Weise wurde ich Musikkritiker.
Jetzt, wo ich selber Ordinarius bin, merke ich, daß die Wissenschaft beim Reagieren auf Musik nichts hilft. Wenn Sie eine Kritik von mir lesen und denken: "Donnerwetter, ist der Kaiser gebildet!", dann können Sie davon ausgehen, daß mir nichts eingefallen ist. Man macht mir oft den Vorwurf, ich sei zu subjektiv. Darauf antworte ich: "Wer kann was Kluges, ja was Dummes sagen, was nicht die Vorwelt schon gesagt" - hat zurecht der Goethe schon gesagt. Es ist heutzutage ein großes Glück, ein Moment fast der Erleuchtung, wenn man überhaupt noch auf einen eigenen Gedanken kommt. Wenn einem plötzlich aufgeht: Im letzten Satz der Großen C-Dur Sinfonie von Schubert, das ist ja das Klopfen des Leporello, wenn der Komtur im Don Giovanni kommt. Mitten in der höchsten Jubelstelle zitiert Schubert mit diesen vier halben c Noten den Tod. Wenn mir so etwas ein- oder auffällt, sind das die wenigen Glücksmomente in diesem Beruf.
Die Subjektivität, das eigene Reagieren ernst zu nehmen und zu spüren, lasse ich mir nicht nehmen, und das halte ich auch für das Wichtigste. Das ist ein großes Glück.
Ihr Beruf als Kritiker bringt es mit sich, daß Sie laufend zwischen Live-Musikkultur und der Konservenmusikkultur hin und her pendeln. Wie erleben Sie persönlich den Unterschied? In welcher Kultursphäre fühlen Sie sich wohler?
Das Live-Erlebnis ist das stärkere! Wenn Sie Menschen von einem Musikerlebnis erzählen hören, sprechen Sie in den seltensten Fällen von einer Schallplatte. Ein Konzert wird im ständigen Bewußtsein der Nichtwiederholbarkeit geistig aufgesogen. Dadurch entsteht eine Einmaligkeit des Augenblicks - für uns offenbar eine Voraussetzung für die Tiefe des Erlebnisses. Wenn diese Einmaligkeit noch von vielen Menschen bestätigt wird, durch Pausengespräche und Minuten des Beifalls, dann entstehen Momente, die über unsere alltägliche Existenz herausragen.
Oft täuscht die Platte. Eine Einspielung läßt sich nur dann gerecht würdigen und begreifen, wenn man den betreffenden Künstler auch wirklich und lebendig "in Natur" gehört hat. Andererseits: Denken Sie einmal an die Aufnahme von Schuberts B-Dur-Trio mit Casals aus dem Jahre 1927! Zündende Momente gibt es live und auf Tonträger. Bei der Schallplatte ist es meist das Werk, das im Vordergrund steht, bei der Aufführung kann es auch die Interpretation sein. Bei einem Konzert hört alles gebannt zu - das ist Faszination. Zu Hause lege ich mir in depressiven Momenten auch einmal ein Streichquintett von Mozart auf - da ist mir die Musik wichtig.
Können Sie als Kritiker unterscheiden zwischen der persönlichen Disposition des Künstlers während des Konzerts und den diversen vorher von Ihnen gehörten Schallplatten?
So bewußt geht das nicht - das ist wie beim Liebesakt. Wenn ein Künstler Virtuosität zeigt, die für ein Lebensgefühl steht, dann lasse ich mich begeistern. Wenn es aber angeübt ist und ein Wettbewerbstyp auf dem Podium sitzt, ein kleiner Japaner oder ein langweiliger Deutscher, dann interessiert mich das nicht. Am glücklichsten bin ich, wenn ich widerlegt werde. Vielleicht würden manche sagen, ich bin ein sentimentaler Hermeneut. Wenn ich z.B. der Meinung bin, daß Gulda kaltschnäuzig ist, und dann spielt er, und es ist einfach toll - dann ist das gegen mein Vorurteil! Ich versuche, die Musik auf mich wirken zu lassen und mich für den Interpreten zu öffnen. Mich freut es, wenn ich höre: Aha, da ist etwas.
Was verrät Ihnen als Kritiker die Schallplatte über das Können des Interpreten?
Die Schallplatte kann preisgeben, was der Künstler will, aber nicht, was er handwerklich kann. Das Moment der Virtuosität bekommt auf der Platte einen anderen Stellenwert. Man kann annehmen, daß das Werk eben so oft gespielt wurde, bis es einwandfrei stimmt. Die künstlerische Qualität kann man sich aber nicht ermogeln. Es gibt zwar von erstklassigen Interpreten zweitklassige Platten, aber von zweitklassigen Interpreten keine erstklassigen Platten. Die Tonaufnahme kann uns also etwas über das künstlerische Niveau verraten.
Können Ihrer Meinung nach die technischen Medien die Kunst demokratisieren - eine Hoffnung von Walter Benjamin?
Die Verbreitung von Musik durch Rundfunk und Tonträger ist eines der größten musiksoziologischen Einschnitte in der Musikgeschichte. Interpretationsleistungen sind jetzt omnipräsent, also jederzeit verfügbar, was gleichzeitig eine Demokratisierung bedeutet. Die jetzt ungefähr 200 Jahre alte Konzertkultur ist nun nicht mehr allein, an ihre Seite ist die Medienwelt getreten. Es gibt heute, insbesondere auf dem Lande und in den kleineren Städten, eine erstaunlich große Schicht von Musikbegeisterten, deren Interesse an Musik nur den technischen Medien zu verdanken ist.
Wird auf der anderen Seite die Konzertkultur elitär bleiben?
Wegen der großen Nachfrage nach Opern werden immer größere Opernhäuser gebaut, was aber auch seine Schattenseiten hat. Beethovens Fidelio oder auch Mozarts Don Giovanni sind für große Häuser völlig ungeeignet. In diesem Falle ist eine Demokratisierung der Kunst fehl am Platze. Stellen Sie sich einmal vor: ein Streichquartett in der Philharmonie im Münchner Gasteig! Heute werden Diskussionen um Originalinstrumente geführt, ob hier oder dort ein Vibrato hingehört oder nicht - solche Aspekte sind in einem großen Raum aber völlig unerheblich, da sie dort gar keine Rolle mehr spielen. Auch Bachs 5. Brandenburgisches Konzert mit Cembalo in der Philharmonie im Gasteig ist eigentlich nicht vorstellbar.
Die ursprünglich aristokratisch angelegte Kunst läßt sich also nicht bzw. nur mit großen Zugeständnissen demokratisieren.
Sie schreiben in Ihrem Buch "Große Pianisten unserer Zeit", daß auf den Interpreten ein enormer Druck lastet, weil sich jeder Interpret an anderen und insbesondere auch an seinen eigenen Tonaufzeichnungen messen lassen muß. Manche Hörer gehen doch mit einer Schallplatte im Kopf ins Konzert ...
Ja, das kennen wir alle. Auch ich habe z.B. immer noch die Platteneinspielung des Variationensatzes aus Mozarts A-Dur Sonate von Kempff im Ohr. Das ist die Macht des einsamen Schallplattenhörens, bei dem sich Ton für Ton einprägt, weil man die Platte immer wieder auflegt. Viele Interpreten fürchten dieses Gespenst der Schallplatte, gegen das sie auf dem Podium antreten müssen. Vielleicht sind vor allem die Künstler betroffen, die sich dieser Problematik zu sehr bewußt sind. Andere konzertieren weiter, nehmen Schallplatten auf, teilweise mit durchaus verschiedenen Interpretationen derselben Werke. Sie empfinden die technischen Möglichkeiten einfach als eine Bereicherung der Konzertkultur.
Ist dieser Druck in den letzten zwanzig Jahren nicht noch gestiegen?
Die Welt wird immer mehr mit Tonkonserven angefüllt; das Verhältnis von "Natur" und "Konserve" hat sich schon längst umgedreht. Jetzt geschieht aber etwas zunächst Unvorhergesehenes: Je mehr Platten den Markt überschwemmen, desto weniger fällt jede einzelne von ihnen ins Gewicht. Das ist wie beim Fernsehen: Zuerst war es noch etwas Besonderes, jetzt aber hat man die Wahl zwischen unendlich vielen Kanälen. Fast jeder Interpret wartet heute mit mindestens einer CD auf. Vielleicht gerade deshalb hat sie heute für viele Künstler keine entscheidende Bedeutung mehr. Barenboim z.B. hört sich, um sich eine Meinung zu bilden, nicht mehr die CDs von jungen Künstlern an, sondern zieht es vor, persönlich mit ihnen zu arbeiten.
Es scheint sich also wieder eine neue Unmittelbarkeit einzustellen. Ich glaube, daß auch heute noch oder heute wieder die wichtigste Entscheidung über den Rang und die Qualität des Künstlers von der Öffentlichkeit im Konzertsaal getroffen wird.
Dann hat also Ihrer Meinung nach der Druck der Medien auf den Interpreten insgesamt abgenommen?
Ja, das ist eine conditio sine qua non. Die Interpreten stehen zwar nach wie vor unter dem Zwang, Platten aufzunehmen, aber im Konzertsaal ist eine neue spontane Ursprünglichkeit entstanden. Pollini und Brendel z.B. haben in der großen Münchner Philharmonie nur ein einziges Mal konzertiert. Sie ziehen jetzt, ohne Rücksicht auf die große Nachfrage, den kleineren und intimeren Herkulessaal vor, weil er für Klaviermusik wesentlich besser geeignet ist - zum Leidwesen vieler Konzertveranstalter, denen so das große Geschäft entgeht.
Haben Sie es manchmal erlebt, daß Interpreten die Tonträger anderer kopieren?
Viele junge Künstler interpretieren wahrscheinlich deshalb flach, weil sie sich zwölf andere Platten angehört haben; aber damit kommen sie nicht weit. Die großen Künstler erreichen ja gerade deswegen Weltniveau, weil sie nicht die Platten der anderen kopieren. Man kann immer wieder Neues, Faszinierendes bei Interpretationen großer Künstler entdecken. Da ist z.B. bei Gulda - völlig überraschend - ein neues motorisches Element auszumachen; Michail Pletnjow findet eine neue wunderbare Interpretation eines Klavierkonzerts von Tschaikowskys oder von Beethovens Waldstein-Sonate.
Sind die Leistungen der Interpreten heute gestiegen?
Ein junger Pianist, der sehr auf Perfektion aus war, sagte mir einmal, daß Pianisten wie Serkin und Kempff heute keinen einzigen Wettbewerb mehr gewinnen würden; damals waren sie aber die besten. Pletnjow war der Meinung, daß er täglich sieben Stunden üben müßte, um ein guter Pianist zu bleiben. Weil er dieser Perfektion nicht mehr nachkommen konnte, hat er sich auf das Dirigieren verlegt.
Glauben Sie, daß die Ablösung der schwarzen Platte durch die CD eine musikalische Verbesserung mit sich brachte?
Bei meinen Volkshochschulvorlesungen habe ich die CD mit der Schallplatte verglichen. Das Ergebnis war 1000 zu 0 für die Schallplatte. Der CD fehlt die Seele. Ihre Hersteller behaupten immer, dieses Seelenlose sei nur eine Kinderkrankheit gewesen, weil man anfangs zu viele Nebengeräusche weggefiltert habe. - Ich meine aber, trotz des scheinbar perfekten Klanges der CD, daß das Problem heute noch das gleiche ist. Es geht doch um Innigkeit, Atem und Seele von Musik. Ich stehe der CD-Kultur skeptisch gegenüber.
Abgesehen von den Problemen der Übertragbarkeit von Raumakustik, die ja unstrittig sind, sehen Sie noch andere Unterschiede zwischen "Natur" und "Konserve"?
Es ist ein Phänomen, daß das gleiche Musikstück auf Platte schneller vergeht als im Konzert. Dies liegt nicht etwa daran, daß die Interpreten auf der Platte schneller spielen - abgesehen von den langsamen Sätzen, die meist schneller eingespielt werden -, sondern wohl an der Isoliertheit des Hörens zu Hause und an der Bedeutsamkeit und dem Gewicht des Hörens im Konzertsaal. Außerdem fehlt bei der "Konserve" das, was Walter Benjamin mit "Aura" bezeichnet, also alles, was mit der Gesamtheit der sinnlichen Eindrücke zu tun hat.
Ich glaube aber, daß der geübte Hörer von diesen Unterschieden abstrahieren kann; er kann sie auf sich beruhen lassen. Es ist möglich, sich auf verschiedene Übermittlungsformen einzustellen, ähnlich wie man im Fernsehen auch Theateraufführungen sehen und sich sie als solche vorstellen kann. Umgekehrt muß sich auch der passionierte Plattenhörer an die Unvollkommenheiten des Konzerteindrucks gewöhnen. Und dies fällt ihm schwer, denn da wird gehustet, die Akustik ist schlecht, und die Musiker verspielen sich.
Tonträger und Live-Erlebnis - das sind also verschiedene Erlebniswelten, die sich aber nicht unbedingt Konkurrenz machen müssen.
Sehen Sie die Schallplatte als eine künstlerische Verwirklichung oder doch eher als ein Dokument einer vergangenen künstlerischen Leistung?
Sowohl als auch. Denken Sie an die Variationen Opus 31 von Schönberg. Die Komposition ist so instrumentiert, daß man die Fagottstimme fast nicht hört. Karajan hat bei den Aufnahmen dieses Werkes das Fagott bewußt hervorgehoben. Ein weiteres Beispiel ist der 2. Satz des c-Moll Klavierkonzerts von Beethoven. Auch hier kann man bei der Aufnahme akustisch "verbessern", was im Live-Konzert nicht herauskommen würde. Oder Elektra von Strauss: Auf Tonträger ist die Solistin auch noch im letzten Satz frisch. Natürlich bin ich als Hörer in einer Opernaufführung am Schluß - etwa im Parsifal, 3. Akt - auch nicht mehr so aufnahmefähig wie am Anfang. Hören Sie einmal in einer Probe den letzten Akt zuerst! Es ist falsch zu glauben, daß man immer Ton für Ton mit bebender Aufmerksamkeit dabei sein kann. Zugunsten des Live-Konzertes muß auch etwas geopfert werden.
Es gibt mittlerweile eine spezifische Schallplattenkultur. Sie begnügt sich nicht mehr damit, die musikalische Realität zu ersetzen. Viele Tonmeister haben heute darüber hinaus den Anspruch, eine eigenständige elektroakustische Deutung der Partitur zu schaffen.
Was halten Sie von Karajans Idee, die auch heute noch die Osterfestspiele prägt, zuerst die Schallplattenaufnahme zu produzieren und erst danach die gleiche Musik live vorm Publikum aufzuführen?
Karajan hatte eine neue Idee vom Ensemble. Er wußte, daß sehr hohes Niveau erwartet wird und hat das "Produktionsensemble" geschaffen, das er speziell für die Realisierung eines bestimmten Musikstückes zusammenstellte. Diese Idee hatte übrigens auch schon Charlie Chaplin. Karajan sagte sich, wenn ich schon sehr gute Leute zur Verfügung habe, mache ich eben mit ihnen gemeinsam nicht nur eine Schallplattenaufnahme, sondern noch zusätzlich eine Aufführung und einen Fernsehauftritt. Das war seine Antwort auf eine veränderte Medienlandschaft. Ich sehe also an Karajans Idee der Osterfestspiele grundsätzlich nichts Verwerfliches.
Ja, er war genial im Erkennen der Möglichkeiten der Medien. Aber glauben Sie nicht, daß er sich zu sehr von der inspirierenden Kraft des Publikums abgewendet hat? Sie selbst schrieben vor nunmehr genau 30 Jahren: "Keine Komposition ist je gesicherter Besitz. In jedem Konzert fällt eine, manchmal leise, manchmal auch laute, vernehmliche Antwort darauf, wie wir mit dem "großen Bestand" fertig werden, ob dieser Bestand noch weiterlebt. Diese Antwort erteilt nicht nur der Pianist, sondern auch das Publikum [...]. Dabei geht es oft nur um winzige Energien, die aber in ihrer Gesamtheit einen Teil unserer Kultur bedeuten." - In diesem Zitat belegen Sie eindrücklich die Wichtigkeit einer lebendigen Konzertkultur. Ist nicht gerade auch für die künstlerische Leistung der Kontakt zum Publikum wichtig? Wenn Karajan nur mit dem Mikrophon kommunizierte, hatte er kein Feedback.
Ich lasse mich gerne von Ihnen belehren. Zugegeben, irgend etwas hat bei den Karajan-Aufführungen gefehlt, das habe ich schon damals in meiner Kritik über die Figaro-Aufführung 1972 mit Ponelle angedeutet, - oder wenn ich nur an seine h-Moll Messe denke. Er war zu technokratisch, denkbar, daß dies auch mit seiner Medienorientiertheit und seinem mangelnden Kontakt zum Publikum erklärbar ist. Auf jeden Fall konnte Karajan nicht inszenieren, vielleicht, weil er zu sehr das Fernsehen im Kopf hatte.
War also Karajan eine Schallplatte seiner selbst?
Nein, auf keinen Fall! Karajan war ein phantastischer Begleiter und konnte sehr gut auf die Sänger eingehen. Wenn sie langsamer oder leiser wurden oder sogar wenn sie tiefer wurden, stellte er sich darauf ein; ich denke da an Christa Ludwig. Die Sänger haben ihn sehr geschätzt! Das Verdi-Requiem zum Beispiel hat Karajan in enorm verschiedenen Versionen auf Tonträger interpretiert. Oder hören Sie die Beethoven-Sinfonien, vor allem die 7. Sinfonie!
Ein anderes Thema ist die Musik im Alltag: Was halten Sie von Hintergrundsmusik?
Zum Kotzen! Wenn man mir Musik zum Essen vorsetzt, ist das für mich eine Belästigung, ja sogar eine Unverschämtheit. Musik im Restaurant stört mich um so mehr, je feiner und klassischer sie ist. In der Konditorei kann ich mir eine leise Salonmusik noch vorstellen. Aber diese synthetische Serviceberieselung grassiert immer mehr - das ist schon wie eine schleichende Pest. Ich brauche keine Musik in der Hoteltoilette oder beim Bestellen von Heizöl!
In den Straßen und öffentlichen Verkehrsmitteln tragen immer mehr Menschen Walkman-Kopfhörer oder -Ohrknöpfe ...
... Sie meinen diese Leute mit dem nach innen gestülpten Blick. - Ich hatte anfangs noch gehofft, daß der "Walkman" eine Modeerscheinung oder eine Kinderkrankheit sein würde. Nein, das sind sanfte Schritte zur Barbarei - trostlos!
Als Musikpädagoge hört man immer wieder "Hauptsache, der Unterricht macht ein bißchen Spaß." Hat die Kunst nur etwas mit Lust zu tun oder vielmehr auch mit Anstrengung?
Sie haben Recht mit der Fragestellung. Meine Intention ist es, den Menschen zu zeigen, warum klassische Musik etwas ist, wofür es sich lohnt, eine gewisse Mühe aufzuwenden. Viele verfügen heute über Zeit und sind auch bereit, sie dafür zu opfern. Ich glaube im übrigen, daß man des Fastfoods, also der Schnellbefriedigung ohne eigene Anstrengung, immer mehr überdrüssig ist.
Könnten Sie sich vorstellen, daß die Interpreten von klassischer Musik ihre Aufgaben neu definieren müssen, z.B. in Richtung Improvisation und Neue Musik?
Wenn es die Musik der Gegenwart lohnt - für Seele, Leben und Atem -, dann schon. Die Meisterwerke haben sich allerdings über Jahrhunderte hindurch gehalten: Bachs Orgelmusik, seine Kantaten oder etwa die Beethoven-Sonaten; die Klassiker haben viel überstanden und sind von jedem Anlaß losgelöst. Seit Aischilos gibt es Darstellungen von Kreuzesabnahmen - also seit 2000 Jahren. Wenn dies nicht ein immer wieder lohnenswertes Motiv wäre, hätte sich kein Künstler mehr dieses Themas annehmen dürfen.
Ich schließe aber auch Veränderungen nicht aus: Vielleicht wirkt es einmal sogar komisch, wenn jemand Bachs "Kunst der Fuge" auf dem Klavier spielt. In bestimmten Jahrhunderten wurde ja auch keine Literatur gelesen, oder die Falknerei gibt es heute z.B. auch nicht mehr.
Sie zählen sich also nicht zu jenen Apokalyptikern, die den Untergang unserer Kultur prophezeien.
Es ist nicht einfach, die Vergangenheit zu betrachten; - ein Blick in die Zukunft ist noch schwieriger. Nach dem zweiten Weltkrieg zum Beispiel gab es einen richtigen Schubert-Boom - überraschend ist heute Schumann in Rußland sehr aktuell geworden. Die Oper war und ist wieder eine sehr populäre Kunstform. Wolfgang Wagner behauptet, daß er sein Festspielhaus in Bayreuth zehnmal füllen könnte. Kunst wird also nicht linear fortgeschrieben.
Die Konzertkultur ist allerdings keine Selbstverständlichkeit, sie muß gepflegt und verteidigt werden. Solange Musik von Bach, Beethoven, Chopin oder Brahms Bestandteil unseres geistigen Seins bleibt und zu spontanen und persönlichen Interpretationen herausfordert, solange wird unsere Musikkultur nicht versinken.
(Interview vom 4.1.1995, Verlagshaus der Süddeutschen Zeitung, München)
© Frank Stepanek, Auszüge nur als Zitate.